Reisen nach Rügen planen wir grundsätzlich mit einer Zwischenübernachtung. Den Aufenthalt in Groß Zicker auf der Rügener Halbinsel Mönchgut beschreibt der Post Reisetagebuch Frühjahrsreise Rügen, 09.-25. Mai 2026. In diesem Jahr ist eine Zwischenübernachtung in Berlin geplant. Wir nehmen einen Umweg von mehr als 100 km in Kauf, um in der James-Simon-Galerie der Berliner Museumsinsel die Ausstellung Gebaute Gemeinschaft – Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren zu besuchen. 2025 hatten wir die Absicht, Ausgrabungsplätze der ausgestellten
Objekte im Rahmen einer archäologischen Studienreise in Anatolien zu
besichtigen. Aufgrund politischer Entwicklungen innerhalb der Türkei sowie
in angrenzenden Ländern haben wir die Reise trotz mehr als 1.000 €
Stornokosten abgesagt. Die Ausstellung in Berlin entschädigt ein
wenig für entgangene Abenteuer.
Nach Übernachtung im Intercity-Hotel Berlin Hauptbahnhof besuchen wir die Ausstellung am Sonntagmorgen vor der Weiterreise nach Rügen. Wir sind die ersten Besucher im Museum und genießen die Ausstellung nahezu exklusiv. Den Ausstellungskatalog haben wir bereits vor Wochen beschafft und durchgearbeitet. Dank Vorbereitung können wir uns auf die Betrachtung von Objekten und auf eigene Fotos konzentrieren. Lesen zahlreicher Schrifttafeln können wir auslassen. Trotz Schnelldurchgang hat sich der Besuch gelohnt. In der Betrachtung vis-à-vis vermitteln die Ausstellungsobjekte sinnlich spürbare Magie, die kein Foto weiterzugeben mag.
Dieser Post befasst sich primär mit Eindrücken der Ausstellung sowie mit dank archäologischer Forschung gewonnenen Erkenntnissen. Erkenntnisse bedeuten kein umfassendes Verständnis oder sogar Lösung aller ausgegrabenen Rätsel. Grabungen in der Region Taş Tepeler werfen Fragen auf, von denen bisher nur ein kleiner Anteil beantwortet werden kann. Zahlreiche Fragen verweigern sich teilweise wissenschaftlich robuster Deutungen. Restliche Fragen warten teiweise noch auf wissenschaftlich solide Beantwortung oder werden strittig diskutiert. Die Beschäftigung mit diesen Fragen ist kein Selbstzweck. Sie verhilft zum Verständnis der Evolution von Kulturen und der Entwicklung unserer eigenen Gegenwartskultur.
Der Post gliedert sich in 3 Kapitel:
- Kapitel 1 des Posts beschreibt ausgestellte Objekte ausschließlich empirisch und verzichtet auf Beschreibungen von Deutungsmustern der Symbolik.
- Kapitel 2 beschreibt Erkenntnisse archäologischer Erforschung des Übergangs zu sesshafter Kultur.
Kapitel 2.1 skizziert evolutionäre Entwicklungen kultureller Strukturen und Prozesse aus Anfängen sesshafter Kultur der Region Taş Tepeler, deren Folgen bis in die kulturelle Gegenwart reichen. - Kapitel 3 lenkt den Blick auf kulturelle Universalien und merkt bedeutende Parallelen zwischen Taş Tepeler Kultur und Pueblo-Kultur in Nordamerika und Nord-Mexiko an, die im Neolithikum basisdemokratische direkte Demokratie praktizierten.
1 Kurzbeschreibung der Ausstellung (06.02.2026-19.07.2026) - Fotoserie
Dieser Post befasst sich primär mit Erkenntnissen, die aufgrund
archäologische Forschung gewonnen wurden. Das bedeutet jedoch
keineswegs, dass alle Rätsel verstanden oder sogar gelöst sind.
Grabungen in der Region Taş Tepeler
werfen zahlreiche Fragen auf, von denen bisher nur ein kleiner Anteil
beantwortet werden kann, weil sich viele Fragen solider wissenschaftlicher Beantwortung verweigern.
Archäologische Grabungen in der Region Taş Tepeler haben erst Mitte der 1990er Jahre begonnen. Bisher ist erst ein kleiner Teil der historischen Orte archäologisch erschlossen. Weitere Überraschungen sind möglich und wahrscheinlich. Über Deutungen struktureller Kontexte historischer Artefakte besteht wissenschaftlich Konsens und auch Dissens. Ungeachtet von Diskussionen über Details ist sich die wissenschaftliche Community weitgehend einig, dass Fundplätze der Region Taş Tepeler auf in ihrer Bedeutung herausragende kulturelle Makrostrukturen und Makroprozesse im Übergang von nomadischer Jäger- und Sammlerkultur zur Sesshaftigkeit verweisen.
Die Ausstellung gliedert sich grob in einen Hauptbereich mit materiellen Artefakten und einen Nebenbereich mit großformatigen digitalen Reproduktionen von Isabel Muñoz. Die genaue Anzahl der ausgestellten Objekte war nicht zu ermitteln. Medienberichte sprechen von "mehr als 100". Dokumentiert ist jedoch, dass der Hauptbereich 89 originale Objekte der Ausgrabungen zeigt, die überwiegend kleinteilig sind, u.a. Figurinen menschlicher Figuren und Tiere, Speerspitzen, Werkzeuge. Auch kleinteilige Objekte sind größtenteils mit Symbolen verziert und vermitteln in ihrer Machart geplante Arbeit, handwerkliche Skills und symbolisches Denken. Größere Objekte sind als originalgetreue Repliken ausgestellt.
Objekte der Ausstellung sind in Themengruppen gegliedert. Abgehängte halbtransparente Tücher grenzen Themen optisch ein, aber nicht ab, sondern realisieren fließende Übergänge. Themen der Ausstellung betreffen Handlungsfelder sozialer Gemeinschaften, ihres gemeinsamen Mahls, ihrer kollektiven Jagdstrategien sowie symbolische Darstellungen von Tieren, Menschen, Mischwesen, Leben und Tod. Aspekte und Leistungen von Bauarchitektur und Bautechnik bleiben weitgehend ausgespart. Zwischen Themengruppen stiften das Metathema Gemeinschaft und Fragen nach Strategien ihrer Herstellung Zusammenhalt. Dieser Post verzichtet auf Beschreibungen der thematischen Gliederung der Ausstellung und gruppiert Fotos der Ausstellung nach Arten der Darstellung.
Die beiden ersten Statuen von links der nachfolgenden Reihen gelten als die weltweit ältesten anthropomorphen Statuen (Ancient Origins: New Statues and Fresh Insights from Karahan Tepe and Göbekli Tepe).
- Erstes Bild links: In Karahantepe gefundene Skulptur eines sitzenden Manns mit Phallus, ca. 12.000 Jahre alt (Spektrum der Wissenschaft: Rund 12.000 Jahre alte Skulpturen in der Türkei entdeckt)
- Zweiter Bild links: Urfa-Mann, nahe des Balıklıgöl der Stadt Şanlıurfa gefundene 1,8 m hohe Statue, ca. 11.000 Jahre alt
1.1 Anthropomorphe Skulpturen
1.2 Menschenköpfe
1.3 Tierskulpturen
1.4 Kleinteilige Figurinen und Objekte
1.5 Reliefs mit Szenen des sozialen Lebens
1.6 Modelle und digitale Reproduktionen
Im Eingangsbereich vermitteln mehrere Modelle Eindrücke der monumentalen Architektur an Fundorten. Im Nebenbereich sind von Isabel Muñoz erstellte digitale Reproduktionen von Fotos von Objekten und Objektgruppen sowie Clips der Ausgrabungsorte zu sehen.
1.7 Medienberichte zur Ausstellung
- Deutsches Archäologisches Institut, Taş Tepeler - Die Entdeckung einer archäologischen Kulturlandschaft
- Archäologie 42, Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren
- FAZ, Rätsel der Jungsteinzeit: Die unterirdischen Hieroglyphen der letzten Jäger und Sammler
- National Geographic, Göbekli Tepe: Was frühe Monumente über die Sesshaftwerdung der Menschheit verraten
- Süddeutsche Zeitung: Begann vor 12 000 Jahren, was heute Zoom-Meeting heißt?
- Tagesspiegel, Als alle gleich waren: Eine große Berliner Ausstellung zeigt, wie die Menschen sesshaft wurden
- Weltkunst, Die ersten Dörfer der Menschheit
2 Entstehung sesshafter Gegenwartskultur in der Region Taş Tepeler
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| Locations of the main Taş Tepeler sites around Şanlıurfa (Wikipedia: Taş Tepeler) |
Recherchen nach Taş Tepeler ermitteln zwei Bedeutungen:
- Wikipedia beschreibt Taş Tepeler als archäologischen Begriff für neolithische Siedlungsspuren in Anatolien: Die Taş Tepeler (türkisch für „Steinhügel“) sind eine Gruppe neolithischer archäologischer Stätten in Obermesopotamien nahe der Stadt Urfa in der heutigen Türkei. Sie sind die Überreste mehrerer Siedlungen aus der Zeit des präkeramischen Neolithikums (ca. 10.000–7000 v. Chr.), einer Übergangsphase von nomadischen Jäger- und Sammlergesellschaften zu sesshaften Ackerbauern in der Region.
- Die wissenschaftliche Community der Archäologen definiert Taş Tepeler als Namen eines archäologischen Forschungsprojekts in der Region Şanlıurfa im Südosten der Türkei. Das Projekt hat zum Ziel, Anfänge der sesshaften Lebensweise und die sozialen Strukturen frühneolithischer Gemeinschaften vor etwa 12.000 Jahren zu erforschen. Internetpräsenz des Projekts (englisch): Taş Tepeler, The Land of Great Transformation
Narrative linearer Evolution von Kultur konstruieren Geschichte als große Erzählung. Ein populäres aktuelles Beispiel ist Yuval Noah Hararis Weltbestseller Sapiens: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Harari vertritt eine Auffassung des Prozesses einer Neolithischen Revolution, die Gordon Child (1892-1957) in Anlehnung an den Prozess der Industriellen Revolution entwickelt hat. Kulturwissenschaftler reklamieren Einwände gegenüber einer Deutung des Übergangs von nomadischer Lebensweise zu Sesshaftigkeit als revolutionären Umbruch oder als Fortschritt eines linearen kulturellen Evolutionsprozesses. Selbstverständlich finden in zahlreichen Lebensbereichen Entwicklungen statt, die als Verbesserung von Lebensqualität gewertet werden. Der Begriff des Fortschritts suggeriert jedoch einen universalen Entwicklungstrend vom Schlechteren zum Besseren. Kritiker reklamieren, dass Fortschritt ein politischer Begriff ist, der Veränderungen und Prozesse rechtfertigt, aber mit Veränderungen einhergehende Probleme ausblendet und unbeherrschbare Komplexität erzeugt. (Wikipedia: Fortschritt)
Gemäß verbreiteter Ansicht unter Archäologen entstanden sumerische Städte um Tempelbauten. Grabungsleiter am Göbeklitepe (auch Göbekli Tepe) war von 1995 bis 2014 der deutsche Archäologe Klaus Schmidt. Schmidt vertrat die Annahme einer Gesetzmäßigkeit kultureller Prozesse, gemäß der Tempel zeitlich vor Städten entstanden sind, sich Städte um Tempel entwickelten und daher die Monumentalarchitektur von Göbeklitepe als Tempel aufzufassen ist. Bis dahin verbreitetes vermeintliches Wissen über die Neolithische Revolution stellte Schmidt auf den Kopf. Er deutete Göbeklitepe als "Nullpunkt der Geschichte" bzw. als Startpunkt der Neolithischen Revolution
und verstand Göbeklitepe ausschließlich als Kultplatz. Mit dieser
Auffassung erlangte die Fundstätte am Göbeklitepe eine vermeintlich
herausragende Bedeutung für Kulturgeschichte des Mittelmeerraums und der angrenzenden Regionen.
Aktuelle Forschungen zeigen, dass Göbeklitepe weder eine isolierte noch eine singuläre Erscheinung war,
sondern Teil einer vernetzten Kulturlandschaft, in der der Übergang zu sesshafter Lebensweise mit Landwirtschaft nicht plötzlich, sondern eher fließend stattfand. Getreideanbau war zunächst ein Experimentierfeld neben Jagen und Sammeln. Möglicherweise war ansässiges Wild überjagt, als die Domestizierung von Rindern, Schafen, Ziegen, Schweinen begann. Gemeinschaftsorientierte Lebensweise veränderte sich mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit in Richtung haushaltorientierter Lebensweise, ohne dass Lebensweisen sich ausschlossen. Inzwischen werden Siedlungen der RegionTaş Tepeler primär als Wohnsiedlungen gedeutet. Wo viele Menschen auf engem Raum leben, nehmen Organisationsbedarf, Konflikte und Anforderungen der Konfliktregulierung zu. Gemeinschaften organisierten sich in multifunktionalen Sondergebäuden, die als monumentale Steinarchitekturen errichtet wurden. Dominanz dieser Architektur verzerrte Deutungsmuster früherer Grabungen.
In der Region Taş Tepeler
sind inzwischen neben Göbeklitepe elf weitere prähistorische archäologische Stätten mit charakteristischen T-förmigen Obelisken bekannt (Wikipedia, Bilder des Grabungsfelds Göbeklitepe 2012-2025), die zuerst in Göbeklitepe gefunden wurden: Nevalı Çori, Şanlıurfa, Yeni Mahalle, Karahan Tepe, Hamzan
Tepe, Sefer Tepe, Taşlı Tepe, Kurt Tepe, Harbetsuvan Tepe, Sayburç,
Ayanlar Höyük. Da gezielte Forschungen erst in den 1990er Jahren einsetzten, ist mit weiteren Entdeckungen zu rechnen.
Lee Clare, Projektleiter der Grabungen am Göbeklitepe, stellt Schmidts Deutungen
aufgrund neuer Grabungsfunde in Frage und sieht Göbeklitepe in
komplexeren Kontexten. Aktuelle Grabungsfunde zeigen eindeutige
Nachweise über häusliche
Aktivitäten und Hinweise auf eine dauerhafte Besiedlung am Fundplatz.
Allerdings sind ehemalige Wohngebäude längst nicht so beeindruckend wie
zunächst vorgefundene Großstrukturen und daher in frühen Grabungsphasen
übersehen worden. Jüngere Funde stützen die Deutung, dass Göbeklitepe
primär als ein Siedlungsort mit ausgeprägter ritueller Komponente aufzufassen ist, die in einer
Infrastruktur öffentlicher Sondergebäude stattfanden. Im Detail ist die Bedeutung
der Sondergebäude bisher nicht eindeutig zu klären. Ob
Gemeinschaftsgebäude als Tempel zu deuten sind und auf
religiöse Vorstellungen zurückgehen, gilt inzwischen als nicht mehr archäologisch begründbar, sondern als zweifelhafte Deutung von
Archäologen. Lee Clare versteht Göbeklitepe als Teil eines Netzwerks
von Siedlungen. Bewohner seien Jäger und Sammler gewesen, die teilweise
mobil und teilweise sesshaft waren. Da mit Sesshaftigkeit Konflikte
zunehmen, seien Gemeinschaftsgebäude errichtet worden, die
Konfliktlösungen dienten.
Sesshafte Lebensweise erzeugte nämlich keineswegs paradiesische Zustände. Der Anthropologe David Graeber und der Prähistoriker David Wengrow wiesen bereits 2021 in einer gemeinsamen Veröffentlichung nachdrücklich auf nachteilige Effekt hin (Anfänge. Eine neue Geschichte der Menscheit. Original: The Dawn of Everything: A New History of Humanity). Aus dem Übergang zur Sesshaftigkeit resultierten Zunahme von Arbeitslast, wirtschaftliche Unsicherheit, Entbehrungen, Konflikte des Zusammenlebens. Skelettfunde und DNA-Analysen zeigen, dass der Übergang zur Sesshaftigkeit mit Ernährungsmängeln einherging, Zoonosen neuartige Krankheiten provozierten und die Lebenserwartung verkürzt war. Zunehmende Lebensrisiken verstärkte existenzielle Bedeutung der Herstellung solidarischer Gemeinsamkeit für das Überleben der Gemeinschaft. Der Prähistoriker Herrmann Parzinger vergleicht multifunktionale monumentale Gemeinschaftsgebäude mit Konferenzzentren, in denen Menschen wahrscheinlich Regeln des
Zusammenlebens vereinbarten, Konflikte lösten, Riten
praktizierten, Feste feierten etc., also das taten, was wir in Versammlungseinrichtungen noch immer
tun, um Gemeinsamkeit herzustellen.
Der über Zeiträume von ca. 1.500 bis 3.000 Jahren sich in der Region Taş Tepeler vollziehende kulturelle Prozess hat zahlreiche Spuren hinterlassen, die erst teilweise aufgedeckt sind. Archäologisch gesicherte Spuren dieses Prozesses ermöglichen jedoch Erkenntnisse über das Leben und Denken von Menschen, über Wissen dieser Zeit, über soziale Methoden der Bildung komplexer Gemeinschaften, über handwerkliche Fähigkeiten, über den Beginn systematischer Landwirtschaft und die Domestizierung von Tieren, über Krankheiten, die aus der veränderten Ernährung resulierten und von Tieren übertragen werden. Kulturartefakte der Region zeigen Ausdrucksformen, die wir als Kunst und Schmuck verstehen und teilweise offensichtlich mit abstrahierender symbolische Sinnhaftigkeit ausgestattet waren, deren Sinngehalt uns jedoch verschlossen bleibt.
Bedeutungen der von Taş Tepeler Kulturen hinterlassenen Rudimente von Bauwerken und von anderen kulturellen Artefakte sind Gegenstände wissenschaftlicher Diskussion. Symbolische Darstellungen sind Ausdruck des Weltverständnisses sowie geltender Werte und praktizierter Normen und Lebensweisen. Funktionale Bedeutungen kultureller Artefakte sind teilweise unschwierig zu erschließen (z.B. Speerspitzen, Steintöpfe, Mörser, Stößel). Kontexte der Nutzung und Bedeutungen der Symbolik kultureller Artefakte (z.B. T-Obelisken, Mensch-Tier-Statuen, Tiermotive, Phallus-Darstellungen, Tanzszenen, Figurinen von Menschen und Tieren etc.) sowie Bedeutungen von Großbauwerken sind dagegen mangels Schriftsprache und schriftlicher Dokumente unsicher. Deutungen von Artefakten und sozialen Zusammenhängen sind daher mit Vorsicht vorzunehmen und zwangsläufig oft strittig. Allerdings ist zu erkennen, dass soziale Gemeinschaften ähnlicher Größenordnungen unter ähnlichen Randbedingungen auf weitgehend identische Anforderungen der Lebensbewältigung treffen und zur Bewältigung ihrer Herausforderungen ähnliche Strategien entwickeln, sodass Zwecke und Funktionen von Artefakten aufgrund von Analogien erklärt werden können. Erkennbar ist u.a., dass mit dem Aufkommen der Argrarwirtschaft bestimmte Arten symbolischer Darstellungen enden, was auf auf den Zusammenbruch von Kontexten hinweist (Eylem Özdoğan, Symbole der Gemeinschaft - Die Gemeinschaft der Symbole, Ausstellungskatalog S. 164).
Als Fazit bleibt eine überragende Bedeutung der Entdeckung der
historischen Kulturlandschaft Taş Tepeler für das Verständnis des
Übergangs von nomadischer Lebensweise als Jäger und Sammler zu
sesshafter Lebensweise als Bauern, jedoch in revidierter Lesart seit
ersten Funden. Gemäß Stand des Wissens hat dieser Übergang fundamental nach dem Ende der letzten großen Eiszeit historisch erstmals in
der Region Taş Tepeler stattgefunden und sich von dort sukzessive nicht per Diffusion durch Handel, sondern per Migration nach
Europa ausgebreitet. Untersuchungen genetischer Strukturen zeigen
Verwandtschaftsbeziehungen, dokumentieren Migrationsbewegungen und
ermöglichen deren zeitliche Einordnungen. Nachfolgend aufgeführte Quellen vertiefen diesen Aspekt.
- Archäologie Online: Erste jungsteinzeitliche Bauern Europas stammen aus der Ägäis
- MPG für Geoanthroplogie: Die ersten Anatolischen Bauern waren lokale Jäger-und-Sammler, die die Landwirtschaft übernahmen
- National Geographic: DNA aus der Jungsteinzeit: Herkunft der ersten Bauern der Welt
- Portal Prähistorische Archäologie: Das präkeramische Neolithikum
- Wikipedia: Neolithisierung Europas - Präkeramisches Neolithikum A
Ein bedeutender Aspekt des Forschungsprojekts wirft bisher nicht zu beantwortende Fragen auf. Gemäß soziologischer Erkenntnis entstehen mit zunehmender Größe und Komplexität sozialer Gemeinschaften organisatorische Anforderungen, mit der zwangsläufig die Herausbildung sozialer Hierarchien einhergeht. Kulturelle Artefakte von Taş Tepeler Kulturen zeigen jedoch keine Hinweise auf soziale Ungleichheit im Sinne von Herrschaftsstrukturen. Gemäß aktuellem Stand des Wissens befestigten Taş Tepeler-Kulturen ihre Zentren nicht und führten keine organisierten Kriege gegeneinander. Wie war das möglich? Etwa dank Konsens über egalitäre Strukturen als Universalien?
2.1 Entwicklungen kultureller Strukturen und Prozesse aus Anfängen sesshafter Gegenwartskultur der Region Taş
Tepeler
Ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. entwickelte sich die streng hierarchisch geordnete sumerische Kulturlandschaft in synchron verlaufenden Prozessen der Staatsbildungen und ihrer Institutionen sowie der Herausbildung von Privateigentum als Grundbesitz und Vermögen. Seit dieser Zeit motiviert Konkurrenz um Macht über Grundbesitz und Vermögen zu Kriegen zwischen urbanen Zentren sowie bis zum Mittelalter zur Befestigung von Städten. Die Etablierung von Staatsmacht erzeugt Herrschaftsstrukturen und soziale Ungleichheit. Staaten sind politische Konstrukte nicht-egalitärer Gemeinschaften, die Egalität auf Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit reduzieren. An Rändern der sozialen Hierarchie sind jedoch Regeln von Rechtsstaatlichkeit schwierig durchzusetzen. Menschen in unteren Positionen haben wenig zu verlieren und müssen eigenes Überleben mit allen verfügbaren Optionen sichern. Menschen in oberen Positionen verfügen über Machtpotenziale, die es ermöglichen, Regeln von Rechtsstaatlichkeit zu ignorieren, zu umgehen oder politisch zu korrumpieren. In der Gegenwart bilden Kontrolle von Staatsmacht sowie Kontrolle der Rechtsstaatlichkeit individueller und korporativer Akteure maßgebliche, aber oft nicht hinreichend organisierte politische Handlungsfelder, hinter denen Gemeinwohlinteressen zurückstehen.
Das abschließende Statement sei Necmi Karul überlassen, Projektmanager des Taş Tepeler Projektes sowie Grabungsleiter in Karahantepe und Göbeklitepe. Dieses Statement ist keine wissenschaftliche Aussage, sondern eine empirisch begründbare Meinung. Necmi Karuls Aussage macht verständlich, weshalb für kulturwissenschaftlich Interessierte die besuchte Ausstellung und ihre Kontexte äußerst spannend sind:
"Zu Beginn des sesshaften Lebens sieht sich der Mensch als Teil einer Natur, zu der auch Tiere gehören. Mit der Zeit ändert sich jedoch die Rolle des Menschen, und er beginnt, sich selbst in den Mittelpunkt des Universums zu stellen. Dies ist eigentlich der Anfang vom Ende. Mit anderen Worten: Die Grundlage für die Probleme, mit denen der Mensch heute konfrontiert ist, wurde mit dem sesshaften Leben gelegt." (Aussage in einem Interview mit der FAZ: Das war der Anfang vom Ende unserer Kultur)
3 Parallelen und Unterschiede in Taş Tepeler Kultur und Pueblo-Kultur machen kulturelle Universalien sichtbar
Bemerkenswert sind aus eigener Sicht Parallelen und Unterschiede zwischen der Taş Tepeler Kultur im Vorderen Oriente sowie der Pueblo-Kultur
im Südwesten Nordamerikas und in Nord-Mexiko. (Der Begriff Pueblo ist spanisch und bedeutet "Dorf" oder "Volk".) Gemäß Stand des Wissens handelt es sich bei der Taş Tepeler Kultur des Vorderen Orients und der
Pueblo-Kultur des amerikanischen Kontinents mit
hoher Wahrscheinlichkeit um völlig isolierte Kulturen, zwischen denen
kein Austausch stattfand. Erkenbar sind aber auch Unterschied von Pueblos zu Siedlungen der Taş Tepeler Kultur. Pueblos waren so
angelegt, dass sie Schutz vor äußeren Feinden boten, weil sie von
nomadisch lebenden Ethnien überfallen und ausgeraubt wurden.
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| Karte der Ausbreitung des Menschen basierend auf der Out-of-Africa-Theorie; Zahlen in Jahrtausenden vor heute Wikipedia: Besiedlung Amerikas (Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0) |
Laut der weitgehend anerkannten und durch archäologische Artefakte und DNA-Analysen bestätigten Beringstraßen-Theorie fand die Besiedlung des amerikanischen Kontinentes während und zum Ende der letzten Eiszeit im Zeitraum 20.000 bis 13.000 v. Chr. über die Landbrücke Beringa aus Richtung Asien statt (Wikipedia: Besiedlung Amerikas). Auf ein Alter von 21.000 bis 23.000 Jahren datierte Fußspuren von White Sands in New Mexico deuten darauf hin, dass Menschen bereits während des letzten glazialen Maximums in Amerika lebten. Die Ausbreitung muss daher früher erfolgt sein als die Einwanderung über Beringa, möglicherweise über eine teilweise eisfreie Route entlang der pazifischen Küste. Vermutlich handelt es sich dabei um Zeugnisse vorübergehender Vorstöße nach Amerika, denen keine bleibende Präsenz folgte. (Quellen FAZ: Spuren im Sand, Von Afrika nach Amerika, Forscher liegen Jahrtausende daneben)
Der Übergang zu
Sesshaftigkeit und Ackerbau vollzog sich auf dem amerikanischen Kontinent ab 750 n. Chr., also mehrere Tausend Jahre später als in der Region Taş Tepeler, aber sehr viel schneller. Obwohl räumlich und zeitlich weit auseinderliegend, trafen beide Kulturen beim Übergang zur Sesshaftigkeit auf ähnliche Herausforderungen, die ähnliche Strategien und Lösungen sowie ähnliche Strukturen und Prozesse hervorbrachten. Unterschiedliche Rahmenbedingungen erforderten jedoch variierende Ausprägungen von Strukturen und Prozessen.
Grubenhäuser von Vorläufern der Pueblo-Kultur(*)
Mesa Verde NP, Colorado Mitte und rechts: Rekonstruiertes Pit-house, Lost City Museum, Overton, Nevada
Wohnsiedlungen im Pueblo-Stil(*)
Cliff Palaca, Mesa Verde NP, Colorado Wupatki Pueblo, Arizona Pueblo Bonito, Chaco Canyon, New Mexico
(*) Fotos haben wir 2012/2013 auf Reisen im Südwesten der USA aufgenommen.
- Grubenhäuser
In frühen Phasen des Übgangsprozesses erstellten Taş Tepeler Kulturen Wöhnhäuser als Grubenhäuser (englisch als Pit-house bezeichnet), die mit runden, aber auch rechteckigen Grundrissen weltweit bei zahlreichen Kulturen zu finden sind, allerdings vorzugsweise bei Ethnien, die in nördlichen Breiten lebten und ihre Häuser nur saisonal während kühler Jahreszeiten nutzten. Taş Tepeler Kulturen und Vorläufer der Pueblo-Kultur erstellten runde Grubenhäuser. Runde Häuser sind effizienter als eckige Häuser. Sie haben im Verhältnis zum Volumen eine geringere Oberfläche und benötigen daher zu ihrem Bau weniger Material. Sie haben einen geringeren Wärmeverlust als eckige Bauten sowie eine geringere Angriffsfläche und sind darum widerstandsfähiger gegen starken Wind, Stürme, Niederschläge. Grubenhäuser boten nicht nur Schutz vor Wetterbedingungen, sondern wurden auch für kulturelle Aktivitäten und zur Lagerung von Lebensmitteln genutzt. Innerhalb des Hauses war im Zentrum eine Feuerstelle eingerichtet. Der Zugang erfolgte über das Dach mit Leitern. - Wohnsiedlungen
Mit Verdichtung der Lebensweise veränderten sich Grundrisse von Wohnräumen zu rechteckiger Form. Häuser mit rechteckigen Grundrissen konnten dicht gepackt und bei Bedarf über mehrere Stockwerke gestapelt werden. Zwischenwände konnten mehrere Häuser nutzen. So wurden Nachteile gegenüber Grubenhäuser kompensiert. Zugänge zu Räumen über Dächer sind nur in kleineren Siedlungen praktikabel. Für große Siedlungen mussten Architekturen mit Höfen und Durchgängen entwickelt werden. Dem Alltagsleben dienende Innenräume blieben weiter mit Feuerstellen ausgestattet.- Der Pueblo Bonito im Chaco Canyon, größer bekannter historischer Pueblo, hatte mehr als 600 Räume (die genaue Zahl ist strittig und reicht bis zur Annahme von mehr als 800 Räumen), darunter wahrscheinlich zahlreiche Lagerräume und mehr als 30 Kivas (Versammlungsräume). Ebenfalls strittig ist die Anzahl dauerhafter Bewohner. Annahmen reichen bis zu 1000 Bewohner. Da der Pueblo Bonito vermutlich ein Ritualzentrum war, ähnlich einem Wallfahrtsort, könnten viele Besucher sich nur temporär in der Siedlung aufgehalten haben und die Anzahl dauerhafter Besucher deutlicher kleiner gewesen sein.
- Wie viele Wohnräume Siedlungen der Taş Tepeler Kultur hatten und wie viele Menschen in ihnen dauerhaft lebten, ist unsicher, da die großen Siedlungen erst zu einem kleinen Anteil ausgegraben sind. Möglicherweise waren Siedlungen in frühen Phasen nur temporär bewohnt und setzte sich dauerhafte Bewohnung erst allmählich in späteren Phasen durch.
- Gemeinschaftshäuser
Zentrale Bedeutung hatten in beiden Kulturen multifunktionale Gemeinschaftshäuser, in denen sich Mitglieder von Siedlungen trafen. Gemeinschaftshäuser der Pueblo-Kultur werden als Kiva bezeichnet. Gemeinschaftshäuser beider Kulturen hatten runde Grundrisse, waren halb oder ganz unterirdisch angelegt, hatten Zugänge über das Dach und waren in Innenräumen entlang der Wände mit Steinbänken ausgestattet, auf denen Mitglieder der Gemeinschaft saßen. Gemeinschaftshäuser waren farbig ausgestaltet und mit bedeutungsträchtigen Symbolen als Reliefs oder Piktogramme versehen, deren Sinngehalt nicht überliefert ist.
Funktional hatten Gemeinschaftshäuser beider Kulturen wahrscheinlich weitgehend identische Funktionen. Beide Kulturen bearbeiteten in Gemeinschaftshäusern kollektive Aufgaben des Gemeinwohls. Das konnten Regelungen organisatorischer Anforderungen, rituelle Zeremonien und handwerkliche Aufgaben sein. Im Detail variierten teilweise Arten der Aufgaben und Arten ihre Ausgestaltungen und waren teilweise nach Geschlechtern oder nach internen Gruppenstrukturen getrennt. Prinzipiell dienten Gemeinschaftshäuser jedoch der gemeinsamen Bearbeitung kollektiver Aufgaben sowie der Herstellung von Konsens der Gemeinschaftund und warum daher für das Gemeinwohl nützlich. - Ackerbau und Tierhaltung
Ackerbau war vermutlich keine Bedingung für die Entstehung sesshafter Taş Tepeler Kulturen. Wahrscheinlich begannen diese Kulturen erst mit der Domestizierung von Pflanzen und Tieren, als natürliche Nahrungsquellen nicht mehr ausreichten. Dazu im Unterschied entwickelte Pueblo-Kultur Sesshaftigkeit erst mit dem Übergang der Basketmaker Kultur zum Ackerbau als fester Nahrungsquelle, weil Ackerbau Ortsansässigkeit erfordert. Tierhaltung beschränkte sich bei Pueblo-Kultur auf Truthähne und Hunden. Zucht von Schafen und Ziegen wurde im 16./17. Jahrhundert von Spaniern übernommen. - Egalität und soziale Hierachien
Innerhalb segmentärer Ethnien galten Prinzipien des Teilens gemäß nicht verhandelbarer sozialer Normen von Reziprozität. Der Begriff bezeichnet universale elementare soziale Prinzipien der Gegenseitigkeit, durch die Vertrauensverhältnisse entstehen und dauerhafte soziale Beziehungen möglich werden. Teilungsregeln galten nur innerhalb sozialer Verbände wie Clans, Sippen, Totemgruppen, die als Verwandtschaft aufgefasst wurden. Zwischen segmentären Ethnien bestanden durchaus Konkurrenz um knappe Ressourcen und Formen von Gewaltanwendung.
Kulturelle Artefakte von Taş Tepeler Kulturen und Pueblo-Kulturen erlauben jedoch keine Rückschlüsse auf dauerhafte bzw. institutionalisierte hierarchische Machtstrukturen mit besonderen Priviliegien sowie keine Rückschlüsse auf organisierte Kriege zwischen Siedlungsgemeinschaften. Institutionalisierte hierarchische Machtstrukturen und organisierte Kriege entstehen erst unter Bedingungen, die Eigentum an Grund und Boden und Kumulierung von Privatvermögen ermöglichen.
Allerdings bestand auch in segmentären Ethnien keine strikte Egalität, sondern soziale Differenzierung von Aufgaben durch Arbeitsteilung und Spezialistentum sowie durch geschlechts- und altersspezifische Rollen, die mit unterschiedlichen Rechten und Pflichten ausgestattet waren und mit Statusunterschieden korrespondierten. - Basisdemokratische direkte Demokratie
Als Begriff und politische Philosophie geht Demokratie auf die griechische Antike zurück (Wikipedia: Demokratie). Dank Schriftkultur sind Ideen antiker griechischer Philosophie und die Geschichte antiker griechischer Politik in bedeutenden Rudimenten überliefert. Ideen der Demokratie als sich selbst regierende Gemeinschaft sind jedoch offensichtlich viele älter und zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Räumen entstanden. Welche Verfahren der Konsensbildung in schriftlosen Kulturen praktiziert wurden, ist mangels belastbarer Quellen nicht zu beurteilen. Offensichtlich ist jedoch, dass mit der Verdichtung von Gemeinschaft Regelungsbedarf entsteht, der in weitgehend egalitär organisierten Gemeinschaften demokratische Verfahren hervorbringt. Zeitlich nachfolgende hierarchisch organisierte Feudalstrukturen lösten demokratische Verfahren wieder auf, weil sie Machtinteressen von Eliten im Weg standen. Subkulturen mit partikularen Macht- und Eigeninteressen bestehen in der Gegenwart in zahlreichen Ausprägungen. Daher überrascht nicht, dass die Praktizierung demokratischer Verfahren komplexe Gemeinschaften der Gegenwart vor Herausforderungen stellt, an der sich Gemeinschaften oft nur unbefriedigend abarbeiten.








































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