Sonntag, 3. Dezember 2017

Bernd Koberling - Retrospektive 1963-2017 im MKM Duisburg (17. November 2017 - 28. Januar 2018)

Retrospektive Bernd Koberling im MKM Duisburg Bernd Koberling, Landlinie I, 1988 Bernd Koberling, RoterWasserfall, 1964



Anlässlich Bernd Koberlings 80. Geburtstag zeigt das Duisburger Museum Küppersmühle in einer großen Werkschau 85 Arbeiten des Malers. Gemäß eigener Aussage löst eine weiße Leinwand bei Bernd Koberling eine kreative Krise aus. Die Krisenbewältigung findet über Jahrzehnte Antworten in unterschiedlichen Malstilen, Gestaltungsprinzipien und expressiven Ausdrucksformen. Was Bernd Koberlings Bilder jenseits von Moden und Manierismen glaubwürdig und authentisch macht, weil menschliche Persönlichkeit und Identität über sechs Jahrzehnte keine Konstanten sind, macht es Betrachtern der Werkschau nicht leicht, auf eigene Faust spontan einen roten Faden durch die Ausstellung zu finden. Bildthemen wie Wald und Wasser, Pflanzen und Insekten, Wind und Wetter, Licht- und Schatten abstrahieren nicht nur Landschaft und Natur, sie verweisen auf das Leben und wirken in disparaten Ausdrucksformen auf Wahrnehmung und Erlebnis von Betrachtern ein: hart und weich, zart und grob, groß und klein, romantisch und nüchten, wuchtig und luftig, hell und dunkel, lyrisch und schlicht, wild und zahm. - Fotogalerie

Mittwoch, 29. November 2017

Underground Railroad - Colson Whiteheads faszinierende Erzählung, weißer Rassismus, vergeigte Lesung (Update 5.12.2017)

Publikum der Lesung in der Aula Königin-Luise-SchuleColson Whitehead Mit Underground Railroad projiziert Colson Whitehead eine ebenso faszinierende wie verstörende und provozierende Erzählung auf im nachfolgenden Abschnitt skizzierte Kontexte. Jenseits unzweifelhafter literarischer Qualität erschließen sich politische Wucht und Reichweite der Erzählung erst in diesem Kontext.(1) Am 29. November 2017 bietet eine Lesung des Autors Gelegenheit zur Vertiefung eigener Leseerfahrung. Offensichtlich teilen viele Menschen diese Absicht. Die Aula der voll besetzten Königin-Luise-Schule, in der die Lesung stattfindet, verlassen wir nach 1,5-stündige Veranstaltung enttäuscht.(2) - Fotogalerie

Dienstag, 28. November 2017

Human Feel konzertieren mit New Yorker Avantgarde-Jazz im Kölner Stadtgarten

Kurt Rosenwinkwl, Chris Speed, Jim Black Human Feel fand 1987 zur Jazz-Gruppe, während Chris Speed (Tenorsaxophon) Andrew D'Angelo (Altsaxophon) und Jim Black (Schlagzeug) in Boston Musik studierten. Kurt Rosenwinkel (Gitarre), der ebenfalls in Boston Musik studierte, ergänzt seit 1990 die Formation. Human Feel hat nur wenige Alben auf kleinen Labeln veröffentlicht und geht nur selten auf Tournee, weil jeder der Musiker schon lange in eigenen und weiteren parallelen Band-Projekten engagiert ist, wenn er nicht als Gastmusiker Jazz-Größen der us-amerikanischen Avantgarde-Szene bei Life-Auftritten oder Studio-Aufnahmen begleitet. Aktuell tourt Human Feel mit Material der 2016 veröffentlichten Party Favor EP in Europa und gibt u.a. ein Konzert im Kölner Stadtgarten. Im Konzertsaal des Stadtgartens versammeln sich ca. 100 Besuchern mit bestenfalls diffusen Erwartungen zum Konzert. Ein Quartett mit 2 Saxophonisten plus Schlagzeuger und Gitarristen führt uns auf Neuland. Den Stil des Quartetts beschreibt Chris Speed als eine Verschmelzung von Elementen aus Kammermusik, Free Jazz und Indie-Rock mit Techniken des Multiphonics, die Roland Kirk und Albert Mangelsdorff im Jazz einführten(1,2,3,4). Das Konzert verspricht, spannend zu werden. Wir haben früh gebucht und besetzen Plätze in Reihe 1. - Diashow als Video-Clip

Freitag, 24. November 2017

„Wer ist 'wir'? - Ich nicht!“ - Gerhard Polt und die Well-Brüder im Bürgerzentrum Chorweiler (Update 10.12.2017)

polt-well-presse1.jpg Gemeinsam mit den Well-Brüdern, ex Biermösl Blosn(2), Multi-Instrumentalisten, unter denen Christoph Well herausragt, gestaltet Gerhard Polt im Kölner Bürgerzentrum Chorweiler ein ebenso unterhaltsames wie provozierendes 2-stündiges Life-Programm. Das Programm macht bewusst, dass Menschen die Notwendigkeit von Prinzipien eines friedlichen Zusammenlebens zwar einsehen, solche Prinzipien jedoch als Rechtfertigungen individueller Vorteile konstruieren.(1)
Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte? Schmarrn! Bildobjekte sind Folien, auf die wir Unwissen, Halbwissen oder Expertenwissen projizieren und mit Erfahrungen und Präferenzen verknüpfen. Aus dem Gebräu lesen wir vermeintlich 'wahre' (Vor-) Urteile und Kausalitäten, obwohl deren Gewissheit auf Glauben und Irrtümern basiert. Mit Sprache und Musik, die mehr als 1000 Bilder zeigen, zeichnen Gerhard Polt und die Well-Brüder Bilder vom Alltags-Rassismus in Deutschland und kartieren kulturelle Grenzen, die Oasen von Wohlbefinden, Überzeugungen, Verurteilungen und Selbstgerechtigkeit verminen. Satirisch-drastische Sprache vermittelt, wie unverzichtbare kulturelle Sozialisation Fallen stellt und unsere Köpfe mit Vorurteilen und Irrtümern rassistisch infiziert.(3) Besucher der ausverkauften Veranstaltung sind begeistert. Zwei Zugaben belohnen frenetischen Beifall. 'Predigen kann man nur den bereits Bekehrten' (Pierre Bourdieu). Gaps zwischen Unterhaltung und sozialer Wirklichkeit können Satire und Humor nicht überwinden, aber sie machen auf Fallen aufmerksam, aus denen nur wir selbst uns mit eigenen Anstrengungen befreien können. - Fotogalerie

Dienstag, 24. Oktober 2017

Das Potential des Informel - Retrospektive Peter Brüning im Emil Schumacher Museum Hagen (10.09.2017 - 21.01.2018)

Tafelbild von Peter BrüningTafelbild von Peter Brüning Die aktuelle Sonderausstellung Peter Brüning - Das Potential des Informel im Emil Schumacher Museum Hagen zeigt bis zum 21. Januar 2018 eine sehenswerte Retrospektive des Künstlers Peter Brüning (1929-1970). In den 60er Jahren zählte Peter Brüning zu den bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen deutschen Künstlern mit zahlreichen Ausstellungen und Auszeichnungen im In- und Ausland. Im Unterschied zu anderen Malern des deutschen Informels, wie Willi Baumeister, Karl Otto Götz, Bernard Schultze, Emil Schmacher, Wols (1), geriet Peter Brüning nach seinem frühen Tod im Jahr 1970 bald in Vergessenheit und gilt in der Gegenwart als neu zu entdeckender Geheimtipp.(2) Bis zu den 60er Jahren orientierte sich Peter Brünings gestische Malweise am abstrakten Expressionismus. Unter dem Einfluss von Pop-Art und Op-Art fließen ab Mitte der 60er Jahre an Cy Twomblys Bildsprache erinnernde konkrete Zeichen und Symbole in Arbeiten ein (3). - Fotogalerie

Freitag, 1. September 2017

2 Sterne für Hochkultur, Straßenkunst, Kuriositäten, Folklore, Krempel in Buchheims Museum der Phantasie in Bernried

Museum Buchheim am Starnberger See

Infotafel an der Zufahrt zum Museum Buchheim Im weitläufigen Museumskomplex von Buchheims Museum der Phantasie in Bernried am Starnberger See finden nicht nur Lothar-Günther Buchheims kunsthistorisch bedeutende Expressionisten-Sammlung und dessen heterogene, trivial-bunte sonstigen Sammlungen Platz, sondern auch weitere, eher folkloristische Sammlungen aus Buchheims Umfeld. Räumlichkeiten des Museums erlauben zusätzliche temporäre Sonderausstellungen und Veranstaltungen. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs sind zwei sehenswerte Sonderausstellungen zu besichtigen.(1) Mutige Neueinkäufe aus jüngerer Zeit machen deutlich, dass dieses Museum nicht nur bewahren will und sich darum der dynamischen aktuellen Kunstszene nicht verschließt.
Nach dreistündigem Aufenthalt verlassen wir das Museum mit dem Eindruck, längst nicht alles gesehen zu haben und das Gesehene im Schnelldurchgang lediglich gescannt, aber nicht angemessen wahrgenommen zu haben. Dabei haben wir das große Außengelände mit direktem Zugang zum Starnberger See bei bayerischem Schnürregen mit schnellem Schritt durcheilt, und in das Restaurant sind wir gar nicht erst eingekehrt, weil auf dem Weg nach Mittenwald ein Stop am Kloster Benediktbeuern vorgesehen ist.
Hotel- und Gastro-Guides gibt es zur Genüge, vergleichbare Museums-Guides vermissen wir. Für Buchheims Museum der Phantasie vergeben wir in Anlehnung an den Guide Michelin 2 Sterne, es ist einen Umweg wert. Der Eintrittspreis (8,50€ für Vollzahler) umfasst sämtliche Ausstellungen. Fotografieren ohne Blitz ist uneingeschränkt gestattet. Eigene Aufnahmen sind nachfolgenden Kapiteln dieses Posts zugeordnet.

Sonderausstellung 'Nolde. Die Grotesken' im Museum Buchheim (23.07.-15.10.2017)

Emil Nolde, Seltsames Liebespaar, 1923 Mit dem Namen Emil Nolde verbinden wir vor allem farbintensive Blumen- und Landschaftsbilder im expressionistischen Stil. Weniger bekannt sind Gemälde aus Noldes Frühzeit mit phantastischen und grotesken Motiven. Auf diese Facette seiner Werke fokussiert die Sonderausstellung 'Nolde. Die Grotesken', die zunächst bei den Internationalen Tagen Ingelheim sowie im Zeitraum 23.07.-15.10.2017 im Museum Buchheim gezeigt wird, wo wir sie am 1.09.2017 sehen (Post: 2 Sterne für Hochkultur, Straßenkunst, Kuriositäten, Folklore, Krempel in Buchheims Museum der Phantasie).
Unter den 116 Arbeiten der Ausstellung beindrucken vor allem 20 farbintensive Ölgemälde. sehenswert sind jedoch auch 55 ausgestellte kleinformatige Aquaralle sowie 25 Bergpostkarten, die sich jedoch hinter spiegelndem Glas und bei dunklen Lichtverhältnissen gegen das Fotografieren sperren.
Noldes künstlerischer Ruhm kontrastiert hart mit Noldes politischer Einstellung. Nolde war Anhänger nationalsozialistischer Ideen und ein bereits frühes Parteimitglied. Er äußerte sich offen antisemitisch, bekämpfte zeitgenössische moderne Kunstrichtungen und zählte Joseph Goebbels neben Albert Speer zu seinen Förderern. Da jedoch der Expressionismus neben Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, Kubismus und Fauvismus als entartete Kunst galten, wurden in der Zeit des Nationalsozialismus auch Noldes Arbeiten verfemt und Nolde mit Ausstellungsverbot belegt. Während dieser Zeit entstanden die von Nolde als ungemalte Bilder bezeichneten Aquarelle. - Fotogalerie

Sonderausstellung 'Holmead. Krude Köpfe' im Museum Buchheim (16.07.-03.10.2017)

Holmead, Colette, 1970 Ungeplant treffen wir im Museum Buchheim auf die Sonderausstellung Holmead. Krude Köpfe (16.07.-03.10.2017) des uns bis dahin unbekannten Malers Clifford Holmead Phillips (1889-1975). (Post: 2 Sterne für Hochkultur, Straßenkunst, Kuriositäten, Folklore, Krempel in Buchheims Museum der Phantasie
Frühwerke des Malers orientieren sich am Stil des Amerikanischen Realismus und der Neuen Sachlichkeit. Beeindruckt von Werken des französischen Expressionisten und Fauvisten Maurice de Vlaminck schloss sich Holmead der expressiven Richtung an. Seinen eigenen rauen Stil bezeichnete Holmead als „Crude Expressionism“. Nach einem Schlaganfall im Jahr 1962 zwangen Handicaps Holmead zur Veränderung seines Malstils. Er erfand das „Shorthand Painting“, eine Methode, mit der er überwiegend imaginäre Porträts in wenigen Minuten malte und  sich darauf konzentrierte, Menschliches zu enthüllen bzw. mit starkem Ausdruck anschaulich zu machen. - Fotogalerie

Freitag, 25. August 2017

Abschiedsdinner im Gasthof Goldener Adler in Schleis

Gasthof Goldener Adler in Laatsch Am letzten Abend unseres Südtirol-Aufenthaltes 2017 bleibt die Küche unserer Ferienwohnung am Falatschhof bei Glurns im Vinschgau (Südtirol) kalt. Zum Abendessen besuchen wir mit einem einstündigen Fußweg (pro Strecke) den Gasthof Goldener Adler im Nachbardorf Schleis, dessen Küche einen ausgezeichneten Ruf genießt. Das gut besuchte Restaurant (Reservierung ist empfehlenswert) verteilt sich über mehrere holzgetäfelte Stuben im tiroler Stil. Der überaus freundliche und kompetente Service weist uns einen von 3 kleineren Tischen in einer intimen Stube zu, die durch eine Theke und per Durchgang mit einer größeren Nachbarstube verbunden ist, in der mehrere Gruppen Platz genommen haben. Tische sind mit weißem Tischtuch, Stoffservietten, mehreren Besteckgarnituren und hochwertigen Kristallgläsern hübsch eingedeckt. Mit der Speisekarte wird sogleich ein Brotkorb mit zwei Sorten hervorragendem Brot, jedoch ohne Butter oder Olivenöl gereicht, was uns bewusst macht, dass wir uns nicht in einem Gourmetrestaurant, sondern in einem Gasthaus befinden. Darum ist auch der künstliche Orchideenzweig als Tischschmuck akzeptiert. Nicht spaßen lassen wir mit uns bei Küche und Service, die jedoch absolut seriös ausfallen und großes Vergnügen bereiten. - Fotogalerie

Montag, 10. Juli 2017

One Man Anti Show - Retrospektive Július Koller im Museion für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen (14.07.17 Update)

Sonderausstellung Július Koller im Museion, BozenBozener Dom Maria HimmelfahrtMuseion für moderne und zeitgenössische Kunst, Bozen

Nach einer hoch interessanten Führung mit Verkostung in der Cantina Tramin (Link zum Post) schlendern wir durch die Bozener Altstadt zum Museion für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen. Die aktuelle Sonderausstellung One Man Anti Show (20.05.-27.08.2017) ist eine Retrospektive des slowakischen Konzeptkünstlers Július Koller (1939-2007), den im Westen eher nur Experten kennen. Nach Ausstellungen in Warschau und Wien ist die Retrospektive in Bozen angekommen.
Trotz mutiger Architektur (nach einem Entwurf des Berliner Architektenbüros KSV - Krüger, Schuberth, Vandreike), einer nicht alltäglichen Sammlung, spannender Sonderausstellungen und niedriger Tickethürden (7 € Erwachsene, 3,50 € Senioren und div. Ermäßigungskarten) ist der Musen-Tempel bei der Bozener Bevölkerung nicht besonders beliebt und von Touristen kaum beachtet. Während des Rundgangs treffen wir in den Räumen lediglich einen weiteren Besucher und sonst nur Museumspersonal an, obwohl insbesondere die Koller-Retrospektive größeres Interesse verdient. Der Titel der Ausstellung 'One Man Anti Show' formuliert ein Paradox: Ausstellung von Arbeiten eines Einzelgänger ohne Anerkennung im Kunstbetrieb. Aber das ist nur die halbe Wahrheit und provoziert Nachfragen. Wie können Arbeiten ohne öffentliche Anerkennung in einem Museum ausgestellt werden? - Fotogalerie