Dienstag, 23. Juni 2026

Hitzewelle

BLaue Villa Pfalz Terrasse BLaue Villa Pfalz Terrasse BLaue Villa Pfalz
 
Während der Hitzewelle im Juni 2026 verbringen wir im Leiningerland am nordöstlichen Rand des Pfälzerwalds Ferientage in der Blauen Villa Pfalz oberhalb von Bobenheim am Berg. Der Aufenthalt weckt Erinnerungen und regt Gedanken an, die der Post beschreibt. Über den Aufenthalt berichtet der Post Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume? - Reisetagebuch Blaue Villa Pfalz im Leininger Land 
 
Als Schüler haben wir im Sommer stets auf „Hitzefrei" gehofft und waren glücklich, wenn Unterricht wegen „Hitzefrei“ ausfiel. An der besuchten Schule war ein Thermometer im Schatten eines Fensters gegenüber dem Lehrerzimmer maßgeblich. Wenn das Thermometer um 10:00 Uhr mindestens 25 Grad zeigte, gab es um 12:00 Uhr „Hitzefrei". Lehrer haben manchmal gestöhnt, weil sie ihr Unterrichtsprogramm gefährdet sahen. Als Schüler sind wir aus der Schule auf möglichst kurzem Weg meistens ins Freibad gestürzt. Da wir uns viele Stunden im Freibad aufhielten, haben wir von zu Hause belegte Brote und eine Trinkflasche mit Zitronentee mitgenommen. Der Eintrittspreis betrug für Schüler 20 Pfennig. Wir waren zwar immer klamm und die Eltern waren nicht großzügig mit Taschengeld, aber 20 Pfennig waren meistens keine Hürde. Notfalls haben wir uns in der Clique gegenseitig mit Geld ausgeholfen, das natürlich nicht geschenkt war. Zuletzt betrug das Taschengeld 20 DM pro Monat. Mit Geschenken, Gefälligkeiten für die Nachbarschaft und Nachhilfeunterricht ließ sich das Taschengeld aufbessern. Mithilfe zu Hause war eine Selbstverständlichkeit, die nicht extra honoriert wurde. Wenn Oma mich zum Gießen mehrerer Gräber mit dem Fahrrad zum mehrere Kilometer entfernten Friedhof in Aldenrade schickte, honorierte sie diese 2-3 Stunden dauernde Tätigkeit mit 50 Pfennig. Bei Hitzewellen durfte ich täglich zum Friedhof radeln. Das waren wir Verstorbenen schuldig. Das Einkellern von einer Tonne Kohle oder Koks per Schaufel, Eimer, Rutsche wurde von Oma und der Nachbarschaft mit ebenfalls 50 Pfennig honoriert. Das Einkellern von Kohle oder Koks für die Familie zählte zu den Selbstverständlichkeiten.

Ohne Geld war Schwimmen im Rhein-Herne-Kanal und den Flüssen Lippe, Ruhr, Rhein möglich. Erlaubt war das nicht, weil Wasserstraßen wegen Schiffsverkehr und der Rhein wegen unberechenbarer Strömungen nicht ungefährlich sind, aber es wurde geduldet. Über Wasserqualität haben wir uns keinen Kopf gemacht. Vor allem im relativ engen Rhein-Herne-Kanal bereitete uns Vergnügen, auf tief im Wasser liegende Frachtschiffe zu klettern und mitzufahren, bis ein entgegenkommendes Frachtschiff mit ausreichendem Tiefgang die Rückfahrt erlaubte. Das war auch ein Glücksspiel, weil wir nicht wussten, wann ein geeignetes Schiff entgegenkommt. Manche Fahrten waren länger als gewünscht. Dieses und anderes Verhalten durften die Eltern natürlich nicht erfahren. Risiken war nicht allzu hoch und konnten in Kauf genommen werden. In der Gegenwart sieht das anders aus, wenn Eltern ihre Kinder mit Hilfe von Technik tracken.

Erinnerungen an diese Erlebnisse der Jugendzeit sind positiv besetzt. Besondere Hitzeprobleme hat die Erinnerung nicht gespeichert. Heute schaut das anders aus. Hitze belastet uns. Wir leiden. 25 Grad sind geradezu lächerlich. Bereits um 6:00 Uhr haben wir mehr als 25 Grad. Heute Morgen waren es um 6:00 Uhr 26,5 Grad. Um 10:00 Uhr zeigt das Thermometer 31 Grad und es steigt weiter. Wenn die gleichen Maßstäbe wie vor ca. 60 Jahren gelten würden, könnte Schule wochenlang kaum oder nur sehr eingeschränkt stattfinden. Das kann niemand wollen. Aber wie ist Schule in Gebäuden möglich, in denen Aufenthalt in Hitzeperioden unerträglich wird? Geändert haben sich auch Eintrittspreise öffentlicher Bäder. In Köln liegen sie für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren um 4,00 €; Erwachsene zahlen 5,30 € bis 7,40 € (Kölnbäder Preise). Eine Woche Schwimmbad kostet bereits für Jugendliche fast 30 €. Wie ergeht es erst Familien mit mehreren Kindern, von denen sich längst nicht alle Familien solche Ausgaben leisten können und die schon gar keinen eigenen Garten mit Pool haben? Ist das als neues Normal akzeptabel?

Vor einigen Generationen mussten Menschen oft frieren, weil Häuser zugig und nur eingeschränkt zu beheizen waren. In Wintermonaten legten sich Menschen ohne Wärmeflasche nicht ins Bett. Auch außerhalb von Betten waren Wärmflaschen im Winter unverzichtbar. Wenn keine Wärmeflaschen zur Verfügung standen oder sie nicht für alle Familienmitglieder ausreichten, wurden auch Ziegelsteine aufgeheizt und in Handtücher gewickelt. Aufenthalte in meistens kalten Wohnungen waren nicht nur Vergnügen. Kalte Wohnungen begünstigten Krankheiten, aber auch Kinderreichtum, weil sich Menschen in Betten mit Körperkontakten wärmten und gemeinsame Bewegung den Wärmeeffekt verbessert. 
 
Im Haus zu bleiben, ist nicht unbedingt attraktiver. Inzwischen sind unsere Häuser für den Erhalt von Wärme optimiert, was sich möglicherweise auch auf fallende Geburtenraten auswirkt. Allerdings sind mögliche Zusammenhänge bisher nicht empirisch untersucht, soweit ich das weiß. Anders als z.B. in NT, Australien, wo Häuser für tropische Bedingungen optimiert sind, kommen unsere Häuser mit Hitze meistens schlecht zurecht, schon gar nicht ältere Häuser. Wie gehen wir jetzt damit um? Es wird ja nicht besser, sondern eher schwieriger. Perspektiven des Klimawandels lassen keine Verbesserungen, sondern Zunahme von Klimaextremen inkl. Unwettern erwarten. Klimatisierte Innenräume sind nur in der Geschäftswelt Standard und mitunter auch in Verwaltungen sowie darüber hinaus in Luxushäusern, also dort, wo Vermögen erzeugt, angehäuft und verwaltet wird. Dass Klimatisierung zu Klimaveränderungen beiträgt, scheint dort keine Rolle zu spielen. Was ist mit dem großen Rest der Welt? In Deutschland zählen 94,4 % aller Menschen zur Klasse nicht-vermögender Menschen. Von dieser Majorität gelten 20 % als armutsgefährdet bzw. 27 % als von sozialer Ausgrenzung gefährdet (Post: Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Superreichtum vs. Anteil von Armut). Darf die Majorität Klimatisierung nur unter Bedingungen von Konsum genießen? Müssen Menschen außerhalb von Konsumtempeln leiden, um Klimawandel zu bremsen und begüterten Menschen Komfort zu ermöglichen?
 
Kollektiv gibt es aus Hitzefallen derzeit keinen Königsweg des Entkommens. Selbst wenn politischer Wille vorhanden ist, benötigt Kulturwandel städtebaulicher Architekturen zur Umsetzung Jahrzehnte. 1933 postulierte das städtebauliche Architekturprogramm der Charta von Athen die autogerechte Stadt durch räumliche Funktionstrennung. Maßgeblichen Anteil an dem Programm hatte der französische Architekt Le Corbusier. Obwohl Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs den Prozess beschleunigt haben, hat es mehr als zwei Jahrzehnte gedauert, um Großstädte autogerecht umzugestalten (Deutschlandfunk: Charta von Athen. Für eine autogerechte Stadt). Mehr als 50 Jahre hat es gedauert, bis auch die Politik verstanden hat, dass der Umbau ein Irrweg war. Im Ergebnis stellte sich heraus, dass Innenstädte veröden, Schlafstädte verwahrlosen, Verkehrsaufkommen unbeherrschbar wird, Menschen viel Lebenszeit in Staus und auf Parkplatzsuche verlieren, Emissionen des motorisierten Verkehrs Umwelt, Klima und Gesundheit schädigen. Onlinehandel widerlegte das Konzept zusätzlich. Eingekauft wird am Computer. 
 
Aktuell erleben wir den Umbau von autogerechten zu menschengerechten Städten in kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit. Ergebnisse werden wir nicht mehr erleben. Selbst dort, wo Ziele in beauftragten Projekten realisiert werden, konkurrieren Fortschritte und Rückschritte ausdauernd mit Beharrungskräften, organisatorischer Inkompetenz, veränderten Rahmenbedingungen, politischer Ignoranz. Aktuelle Beispiele sind der Flughafen BER, der Bahnhof Stuttgart 21, das Kölner Opernhaus, die Deutsche Bahn, das Deutsche Autobahnnetz usw. Wenn solche Projekte mit absurden Zusatzkosten ein Ende finden, haben sich Rahmenbedingungen längst verändert und ist die verwendete Technik bereits veraltet. Nur privatwirtschaftlich organisierte Großprojekte gelingen mitunter, aber längst nicht immer. Dagegen beginnen öffentliche Großprojekte stets mit großen Verzögerungen und enden irgendwann mit noch größeren Verzögerungen, aber nie in Time and Budget, sondern in Streit über Verantwortung von Konfusion und Desastern. Diese Bewertungen sind natürlich grob pauschal und getrieben von Medienberichten. 
 
Zurück zur Hitzewelle. Es ist zu befürchten, dass die aktuelle Hitzewelle lediglich ein Vorspiel des Klimawandels darstellt und der große Auftritt erst noch bevorsteht. Praktikable Ideen und Vorschläge für problemgerechte Veränderungen sind nur in individuellen Lebensumgebungen zu realisieren in Form von Isolierungen, Klimatisierung, größeren Kühlschränken, veränderter Heiztechnik etc. Das sind passive Maßnahmen, die lediglich das individuelle Wohlgefühl verbessern, aber an Ursachen der Erwärmung nichts oder nur wenig ändern. Wie sieht es im öffentlichen Raum aus? Retten uns jetzt Elektromobilität und schattige Plätze? Wohl kaum. Das marktwirtschaftliche Modell des politischen Systems verhindert Lösungen an Wurzeln von Ursachen. Muss oder sollte ich mich jetzt erregen? Ich habe dieses System nicht erfunden und ich kann es auch nicht verändern, aber wie so viele Menschen habe ich von diesem System profitiert. Darum befinden wir uns in ethischer Pflicht zur Übernahme von Verantwortung. Diese kann ich nur für eigenes Verhalten übernehmen und versuche, ihr gerecht zu werden. Zugegebenermaßen gelingt das nicht immer, aber es ist bereits viel gewonnen, wenn wir den kategorischen Imperativ als moralisches Prinzip anerkennen. Mich tröstet, diese Entwicklung nicht mehr lange ertragen zu müssen. Verantwortung für die Zukunft liegt primär in Händen jüngerer Generationen. 

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