Freitag, 20. September 2013

Militärhistorisches Museum Dresden (Update 24.09.2013)

Militärhistorisches Museum Dresden
Auf das Museum macht uns ein Artikel von Stefan Locke in der FAZ vom 18.05.2011 aufmerksam. Obwohl im Außenbereich schweres Gerät aus Beständen der Bundeswehr und der ehemaligen Nationalen Volksarmee ausgestellt ist, wird dieses Museum Militär-Freunde und Militaria-Fetischisten kaum glücklich stimmen. Das Museumskonzept verweigert sich einer militärischen Leistungsschau und zeigt statt dessen eine 'Kulturgeschichte der Gewalt', die militärhistorische Aspekte in Kontexte ganzheitlicher Sichtweisen stellt.
Anstatt kurzweilig zu unterhalten, provoziert das Ausstellungskonzept kritische Fragen. Es konfrontiert Besucher mit einer Sehweise, gemäß der Wahnsinn und Monstrosität militärischer Gewalt keine individuellen Fehlleistungen verirrter Geister darstellen, sondern als genuine Ausprägung von Kultur unserer alltäglichen Lebenswelt zu verstehen sind. Mit der Isolierung und Individualisierung von Phänomen des Krieges oder der kollektiven Gewalt, wie sie üblicherweise stattfindet, werden nicht nur sozialstrukturelle Zusammenhänge verborgen und Betroffene in die Irre geführt, sondern auch Machtstrukturen legitimiert und stabilisiert. Das Museumskonzept vermittelt und belegt diese Zusammenhänge, ohne mit der pädagogischen Peitsche zu knallen. Die Umsetzung des Konzeptes gelingt beispiellos großartig! Diashow der Fotoserie 

Die Architektur stellt bereits klar, dass der Ansatz des Museumskonzeptes gewohnte Sichtweisen durchbricht und Provokationen nicht scheut. Eine Polarisierung von Besuchern oder Interessenten ist unvermeidbar und wird offensichtlich billigend in Kauf genommen. Den Körper des ehemaligen Arsenalgebäudes der sächsischen Armee durchtrennt ein gewaltiger pfeilfömiger Keil wie ein Schlachterbeil. Daniel Libeskind, u.a. verantwortlicher Architekt des Jüdischen Museums Berlin, hat diese Metapher nicht als Gag entworfen. Im Zeitraum 12.-15. Februar 1945 reichten 4 Angriffswellen der Bombardierung Dresdens aus, um ca. 25.000 Menschen zu töten und Dresden in Schutt und Asche zu legen. Die Bomber flogen in keilförmigen Formationen. Der Anblick des Keils in der Wunde des Gebäudes soll schmerzen. Das tut er. (Leitgedanken des Museumskonzeptes und der Architektur des Dresdner Museums erläutert ein bebildeter Beitrag im Portal TourDresden.)

'Napoleon-Schlitten'
'Napoleon-Schlitten' im Foyer
 'Eyecatcher' im Foyer des Museums könnte ein Schlitten sein, den Napoleon nach dem verlorenen Russlandfeldzug am 19. Oktober 1812 für seine Flucht aus Moskau genutzt haben soll. Tatsächlich steht dieser (auf eine Sonderstellung verweisende) Schlitten eher unbeachtet in einer Nische. Besucherandrang können wir nicht feststellen. Zeitweilig ist unser Eindruck, dass mehr Museumspersonal als Besucher im Gebäude anwesend sind. Die Mitarbeiter des Museums zeigen sich freundlich und hilfsbereit, wie wir es nur selten in deutschen Museen erleben. Die entspannte Atmosphäre ohne Gedränge ist uns sehr recht. Andererseits stimmt uns das geringe Interesse nachdenklich. Subjektives Interesse setzt sich aus vielen Einflussgrößen zusammen und lässt sich nicht anordnen. Objektiv betrachtet ist der Eintritt in dieses spannende Museum zum Normalpreis von 5 € für die Dauerausstaustellung bzw. 7 € inkl. Sonderausstellungen günstiger als mancher Kinobesuch. Wie auch immer, das Museum verdient mehr Beachtung, als wir sie erleben!

Nicht glücklich stimmt uns das einladend wirkende Museums-Restaurant 'zeitlos', das nicht nur Museumsbesuchern offen steht. Die überschaubare Zahl an Esstischen ist trotz der wenigen Museumsbesucher entweder besetzt oder reserviert. Freie Plätze im Lounge-Bereich an Sitzgruppen mit niedrigen Tischen sind zum Essen nicht geeignet. Der Restaurantbesuch fällt daher für uns aus. Schade!

Die ständige Ausstellung


Gliederung des Themenparcours
Die inhaltliche Aufbereitung der Dauerausstellung ist zweidimensional angelegt. Auf der Zeitachse zeigen 3 Chronologien (1300-1914, 1914-1945, 1945 bis heute) Gewalt als ein kulturelles Phänomen mit historischer Kontinuität. Ein Themenparcours mit 11 Themen über 4 Ebenen differenziert Verflechtungen militärischer Gewalt in Felder kultureller Ausprägungen und zeigt Einflüsse auf individuelle Lebenswelten(*). Themen- und Zeitparcours sind räumlich nicht streng getrennt, sondern tangieren sich. Empfohlen wird zwar, von oben zu starten und sich dann nach unten vorzuarbeiten, aber letztlich bleibt es den Besuchern überlassen, welchen Weg sie durch die Ausstellungen nehmen. Eine interaktive Seite des Museums gestattet einen Überblick und unterstützt die Vor- oder Nachbereitung von Besuchen.




Blick aus dem Aufzug in den Schacht
Nahtstelle der Keilarchitektur
Im Erdgeschoss machen wir uns zunächst mit der Innensicht der Architektur vertraut, ehe wir den Aufzug zum 'Dresden Blick' in der 4. Etage nutzen. Im Obergeschoss sind beschädigte Gehwegplatten ausgelegt und mit dem Datum 13.-15. Februar kommentiert. Nein, die Platten sind keine lokalen Objekte, sie kommen aus dem polnischen Städtchen Wielun. Am 1. September 1939 eröffneten deutsche Sturzkampfbomber den Bombenterror des 2. Weltkrieges mit einem Angriff auf den strategisch unbedeutenden Ort Wielun. 1.200 von 16.000 Einwohner starben durch das Bombardement. 70 % des Ortes wurden zerstört. Die Bodenplatten erinnern an diesen bestialischen Akt der Massenvernichtung in Wielun, ehe wir auf das inzwischen aus der Asche wiederauferstande Dresden schauen. Ein Steg führt in die Keilspitze, die auf den Ort zeigt, an dem britische Schnellbomber Zielmarkierungen für die Zerstörungsarbeit der schweren Lancaster-Bomber abwarfen. Aus der Innensicht des Keils zeigt sich Dresdens glänzende Oberfläche nicht, weil der Blick auf die Stadt mehrfach gebrochen ist: Physisch, mental und intellektuell.


Gehwegplatten im Obergeschoss
Steg zur Keilspitze














Modell des Eisenbahngeschützes Dora
Projektil und Kartusche
Wie Politik mit Wahnsinn des Militärs und mit ökonomischen Interessen Industrieller verwoben ist, zeigt exemplarisch die Geschichte des bei Krupp produzierten Eisenbahngeschützes 'Dora', von dem ein Modell sowie Projektil und Kartusche in Originalgröße ausgestellt sind. (Details beschreibt ein Artikel in Wikipedia.) Allein für Bedienung und Feuerleitung waren 1.500 Mann einer besonderen Abteilung zzgl. mehr als 4.000 Personen für Stellungs- und Gleisbau, Montage, Wartung, Bewachung etc. erforderlich. Ca. 20 Ingenieuren der Firma Krupp betreuten die Technik im Einsatz vor Ort. Den einzigen Einsatz in der Schlacht um Sewastopol im Juni 1942 feierte die Propaganda als Erfolg. Tatsächlich war die Operation ein militärisches und wirtschaftliches Desaster. (**)


Sonderaustellung (31. Mai - 12. November 2013): 1636 - Ihre letzte Schlacht


Bauarbeiter entdecken in der Nähe von Wittstock (Brandenburg) ein Massengrab. Untersuchungen ergeben, dass die ca. 125 Leichen Opfer der Schlacht bei Wittstock im Dreißigjährigen Krieg sind. Eine zahlenmäßig unterlegene schwedisch-schottische Einheit schlug am 4. Oktober 1636 das kaiserlich-kursächsische Heer. Die Sonderausstellung präsentiert einige Fundstücke von Grabungen. Vor allem zeigt sie aber aus der Sicht von unten einerseits Aspekte von Lebensbedingungen der aktiv Beteiligten, also der einfachen Soldaten inkl. ihrer Angehörigen und Begleiter, sowie andererseits der passiv betroffenen Landbevölkerung und Stadtbewohner.
Die Ausstellung vermittelt Elend, Brutaltiät und Inhumanität des Machtkampfes einer sozialen Elite, die Millionen Menschen auf die Schlachtbank führt und Europa verwüstet.


Sonderaustellung (6. September 2013 - 16. Februar 2014): Blutige Romantik - 200 Jahre Befreiungskriege


Vor 200 Jahren begann die Befreiung von napoleonischer Herrschaft. Die napoleonischen Befreiungskriege legten im Zeitraum 1813-1815 mit einer Serie militärischer Schlachten eine unglaubliche Blutspur durch Europa. Seinen Höhepunkt bzw. Tiefpunkt erreichte das Gemetzel in der Völkerschlacht bei Leipzig, in der 600.000 Soldaten aus 12 Völkern über 3 Tage (16.-18. Oktober 1813) aufeinandergehetzt wurden und sich gegenseitig umzubringen versuchten. Allein etwa 90.000 - 120.000 Soldaten verloren in oder durch diese viertägige Schlacht ihr Leben. Über Opfer der zivilen Bevölkerung existieren keine Zahlen. Diese Opfer waren nicht wohl weniger wichtig. Nie zuvor starben so viele Menschen in so kurzer Zeit während eines Krieges.
In den napoleonischen Befreiungskriegen entwickelte sich so etwas wie 'deutscher Patriotismus'. Künstler, Schriftsteller und Philosophen der Romantik beschwörten eine Erhebung deutscher Kultur gegen französische Vorherrschaft. In der rückwärtigen Betrachtung wird die Wiege des deutschen Nationalismus verortet.
Die aktuelle Sonderausstellung Blutige Romantik - 200 Jahre Befreiungskriege stellt kritische Nachfragen. Einfache Kausalketten, mögen sie auch noch so plausibel oder elegant erscheinen, vermögen die Komplexität von Makroprozessen nicht zu erklären. Die romantische Verklärung übersieht, dass politisches Handeln primär der Ausdehnung oder Absicherung von politischer Macht dient, das war in der Vergangenheit nicht anders als in der Gegenwart. Gerade anhand der napoleonische Befreiungskriege lässt sich zeigen, dass taktisches Verhalten keiner politischen Strategie folgt, sondern sich an Opportunitätsaspekten eigener Machtinteressen ausgerichtet. Erst der Erfolg verklärt im Nachhinein das politische Handeln zu politischer Strategie. Dabei verliert die Denkweise in großen Zusammenhängen menschliches Leben und Leiden aus dem Blick. In den Genuss von Freiheit inkl. aller mit ihr verbundenen Vor- und Nachteile kommen nur die Überlebenden. Der Nährboden von Freiheit ist blutgetränkt. Auch daran erinnert die Ausstellung.


Anmerkungen


(*) Differenzierungen und Klassifizierungen sind immer dann sinnvoll, wenn komplexe Themenfelder analysiert werden. Allerdings folgen Kathegorien keinen natürlichen Ordnungen, sondern sie sind willkürlich gewählt und daher immer auch angreifbar. Gründe für Einwände oder Vorbehalte erkennen wir nicht.

(**) Wegen der besonderen Verdienste Gustav Krupps (Hitlers Waffenschmied) erließ Hitler im November 1943 die 'Lex Krupp', durch die Krupp 400 Millionen Reichsmark an Erbschaftssteuer erspart blieben. Aufgrund dieser Regelung konnte Alfred Krupp von Bohlen und Halbach nach dem Krieg das gesamte Konzernvermögen als Famlienunternehmen übernehmen, obwohl er 1948 in einem Nachfolgeprozess der Nürnberger Prozesse (an Stelle seines Vaters) wegen des Einsatzes von ca. 25.000 Zwangsarbeitern und der Plünderung von Wirtschaftsgütern im besetzten Ausland zu 12 Jahren Haft verurteilt wurde und das Familienvermögen zunächst eingezogen wurde. Alfred Krupp wurde am 31.01.1951 begnadigt und übernahm im März 1953 die Leitung des Unternehmens.

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