Freitag, 14. November 2014

Colosseum-Konzert im Bonner Brückenforum, 14.11.2014

Über die Pfingsttage 1970 erlebe ich auf einem Festival in der Eissporthalle Düsseldorf Colosseum live und werde schlagartig zum Fan. Die Musik der Band bewegt sich in epischer Breite zwischen den Genres Jazz, Rock und Blues und verbindet diese zu einem einzigartigen eigenen Stil. Vielen gefällt das nicht. Muss ja auch nicht sein. Die Anhängerschaft ist überschaubar, aber treu. Nach dreijähriger Geschichte löst sich die Band 1971 auf. Reunion-Konzerte sind seit 1994 gut besucht. Seit dem legendären Konzert von 1994 im Kölner E-Werk (vollständiges Video in WDR-Qualität) vergehen 20 Jahre bis zur Rückkehr in den Großraum Köln. Dick Heckstall-Smith, ein Urmitglied der Band, ist wie viele andere Weggefährten inzwischen verstorben und wird ersetzt von Jon Hisemans Ehefrau Barbara Thompson, eine herausragende Persönlichkeit des modernen Jazz. Seit 1967 sind die beiden verheiratet! Weitere Mitglieder der Band sind Dave Greenslade (Gründungsmitglied), Keyboard, Dave („Clem“) Clempson (ab 1969), Gitarre, Chris Farlowe (ab 1970), Gesang, Mark Clarke (ab 1970), Bass.
Diashow der Fotoserie

Das Konzert im gut gefüllten Bonner Brückenforum beginnt mit einigen Nummern des neuen Albums 'Time on our Side' (Ruf Records, 2014), die uns nicht begeistern. Nach ca. 30 Minuten werden auch ältere Stücke eingestreut, u.a. um einen am 25. Oktober 2014 verstorbenen Weggefährte Jon Hisemans zu ehren, den legendären Jack Bruce. Unvergessen bleibt das grandiose Konzert von 1993 im Kölner E-Werk anlässlich des 50. Geburtstages von Jack Bruce: Konzert-Mitschnitt / Rockpalast-Archiv.
Nach einer Stunde erklärt Jon Hiseman den 'commercial part' für beendet und beginnt zu plaudern. Am 21. Juli 1969 schaute er allein zu Hause fern, Barbara sei vermutlich auf Shoppping-Tour gewesen, als Neil Armstrong den Mond betrat und erklärte: „One Small Step For Man, But A Giant Leap For Mankind.“ Allen Kennern der Band ist klar, dass jetzt die Valentyne Suite folgt, ein nicht verschleißbares magisches Stück der Band. Das Plattencover des 1969 veröffentlichten Albums zitiert Neil Armstrong und beansprucht implizit einen ähnlichen Status für den musikalischen Inhalt. Über einen Zeitraum von 45 Jahren hat sich das Stück natürlich verändert. Mit großer Spielfreude präsentieren die Musiker das episch dimensionierte Stück ohne jede Spur von Patina. Gegenüber der Urfassung ist die aktuelle Performance unpathetischer, dafür druckvoller und schneller, um nicht zu sagen 'rockiger', obwohl der Vortrag mit ca. 23 Minuten Dauer ausgedehnter ausfällt. Das Publikum rast.

Von gubsak55 aufgezeichneter Video-Clip der Valentyne Suite

Deutlich 'jazziger' und an den 'Canterbury Sound' erinnernd fällt der Auftritt von 1969 beim Jazzfestival von Montreux aus. Die Bildqualität ist lausig, weshalb der Vortrag vor allem hörenswert ist: Part 1, Part 2.

Das Publikum befindet sich bereits in Hochstimmung, aber es geht mit Steigerung weiter. Trotz mittlerweile reduziertem 'Drum Set' zeigt Jon Hiseman mit einem hinreißenden Schlagzeugsolo seine ganze Klasse. Das Solo leitet über in das Stück 'Lost Angeles', erstmals 1971 veröffentlicht in dem Doppealbum 'Colosseum Live', für viele eines der besten Live-Alben aller Zeiten. Im Mittelteil des Stückes hören wir eindeutig Cream. Gitarrenriffs zitieren Spoonful aus der Doppel-LP Wheels of Fire.
Mehr Colosseum-Konzert geht nicht! Folgerichtig ist jetzt das Konzertende erreicht. Das begeisterte Publikum kann den Musikern eine Zugabe abringen. Nach fast 2 Stunden Spieldauer ist das grandiose Konzert der Band beendet.
Was für ein Abend! "What an audience", kommentiert Jon Hiseman das begeisterte Publikum. Was für eine Band! Die Mitglieder sind zwischen 1940 und 1950 geboren und durchschnittlich 70 Jahre alt. Der Gedanke an die eigenen Eltern und Großeltern stimmt traurig. Energie und Potential der Musiker machen Mut.

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