Freitag, 19. Juli 2019

Bio-Käserei Englhorn in Schleis: Produktqualität, biodynamische Kreislaufwirtschaft, ökologische Veranwortung, Lifestyle

Besucher der Hofkäserei Englhorn Obwohl wir Konflikte zwischen landwirtschaftlichen Biobetrieben und konventionellen Betrieben und zwischen deren politischen Institutionen auch bei unseren langjährigen Reisen in den Vinschgau aufmerksam verfolgen und im Vinschgau regelmäßig durch das Dorf Schleis gehen, nahmen wir die Hofkäserei Englhorn in Schleis bisher nur en passant wahr. Eine Mediennachricht weckt uns. Der Italian Cheese Awards 2018 prämierte die Käsesorte ARUNDA des Englhorns mit Gold und zeichnete sie in der Kategorie pasta molle als besten Weichkäse Italiens aus. Den Käse möchten wir kosten und möglichst auch dessen Produzenten und deren Betrieb, sowie Produkt- und Produktionsphilosophie kennenlernen. - Fotoserie




Besucher am Hofladen der Käserei Englhorn Dank Webseite der Hofkäserei Englhorn erfahren wir von der Existenz eines Hofladens, den wir bei nächster Gelegenheit besuchen. Den Hofladen führt Sonja Sagmeister, gelernte Ernähungsberaterin und Ehefrau des Betriebsleiters Alexander Agethle. Sonja lässt uns die 3 Sorten Rohmilchkäse des Biohofs probieren: ARUNDA, ein mehrfacher ausgezeichneter 40 Tage gereifter Weichkäse, TELLA, ein teilentrahmter 50 Tage gereifter Schnittkäse, RIMS, ein teilentrahmter reifer Hartkäse. Alle drei Sorten schmecken uns ausgezeichnet und werden eingekauft. Nachdem wir den Käse kennen, sind wir umso neugieriger auf den Hintergrund seiner Herstellung. Im wöchentlichen Veranstaltungskalender des Vinschgaus finden wir für den Zeitraum 26.06. bis 27.09. jeweils freitags das Angebot einer Führung in der Käserei Engelhorn (12 €/pP). Mit Berliner Freunden melden wir uns zur Führung am 19. Juli an.


Gästetisch am Hofladen der Käserei Englhorn Wir 4 finden uns mit 3 weiteren Interessierten am Hof ein und nehmen im Vorraum des Hofladens an einem großen Tisch Platz. Sonja begrüßt uns, serviert neben selbst hergestelltem Fruchtsaft eine großzügig dimensionierte Käseplatte und last but not least einen Korb mit Dinkelbrot aus eigener Produktion sowie knusprig ausgebackene hauchdünne Dinkel-Crêpe in länglicher Form. Inzwischen ist auch Alexander Agethle eingetroffen und lobt nach der Begrüßung Sonjas Brotbackkunst völlig zu Recht. Leider können wir das Brot nicht erwerben. Sonja backt nur für den Bedarf der Familie. Das Mehl stammt aus kleinen Biogetreidefeldern des Hofs. Stroh des Getreides wird entsprechend Prinzipien biodynamischer Landwirtschaft als Streu im Kuhstall genutzt.




Alexander Agethle mit Besuchern auf dem Hof der Käserei Englhorn Die Veranstaltung ist als "Hofführung" ausgeschrieben. Seit Ende Juni befinden sich Kühe des Hofs auf der Schleiser Alm im Arundatal, wo auch Milch der Kühe verarbeitet wird. Wir werfen zwar einen Blick in den Stall und in die Käserei, aber da der Hof Produktionspause hat, bleiben Eindrücke eher oberflächlich. Umso intensiver beeindrucken uns Alexanders Informationen. In der Gegenwart ist Alexander ein international renommierter biodynamisch produzierender Landwirt, der zu Vorträgen und Kongressen im In- und Ausland eingeladen wird. Alexander gilt als Impulsgeber des Netzwerks Global Forum und war Keynote-Sprecher des 9. Global-Forums Südtirol 2017. Aktuell ist der Hof noch nicht biodynamisch zertifiziert, aber die Betreiber haben sich auf diesen keineswegs einfachen Weg begeben, den großes öffentliches Interesse begleitet. Zahlreiche Medien berichteten bereits über Aktivitäten der Hof-Betreiber zur biodynamischen Ausrichtung des Betriebes und regelmäßig besuchen interessierte Landwirte und Schulklassen den Hof. Führungen für Urlaubsgäste haben eher die Bedeutung kleiner ins Wasser geworfener Steine, deren Wellen sich in nicht absehbaren Kreisen ausbreiten. 

Die biodynamische Ausrichtung des Hofs war Alexander nicht in die Wiege gelegt, aber er wusste, dass er den elterlichen Hof in der damaligen Verfassung nicht übernehmen konnte oder wollte. Alexander erbrachte mit einer über Jahre erstellten Datensammlung den Nachweis, dass sich der seit 200 Jahren bestehende Hof in einer wirtschaftlichen Falle befand. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass die speziellen Produktionsbedingungen des Hofs und die allgemeinen Produktionsbedingungen der Milchwirtschaft einen Irrweg ohne Zukunft darstellen, weil diese Bedingungen ökologisch unsinnig, ethisch unverantwortlich und für Kleinbetriebe vernichtend sind. Den elterlichen Hof übernahm Alexander unter der Bedingung einer Neuausrichtung auf Nachhaltigkeit. Sonja bestärkte ihn in dieser Absicht. Leitend für diese Absicht sind mehrere Grundgedanken bzw. Überzeugungen:
  1. Jede Art des Wirtschaftens sollte in ethisch verantwortlicher Art und Weise ausgerichtet sein, d.h. nachhaltig zukunftsorientert, gesundheitsfördernd für Mensch und Tier, jedes Leben und speziell das von Tieren respektierend.
  2. Landwirtschaftliche Erzeugnisse sollten nicht nur qualitätsorientiert produziert werden, sie sollten auch eine unverwechselbare regionalspezifische Typizität zeigen, wie sie der vor allem im Weinbau geprägte und im Marketing oft missbrauchte Begriffs des Terroirs umschreibt.
  3. In nachhaltiger Wirtschaft erzeugte Qualitätsprodukte erzielen im Wettbewerb des Marktes auskömmliche Preise, die auch Kleinbetrieben eine Existenz ermöglichen.
  4. Ziel des Wirtschaftens sollte eine auskömmliche Lebensführung sein. Eine Orientierung in Richtung Profit-Maximierung macht unfrei und unglücklich.
  5. Alexander und Sonja wollen nicht auf Lebensqualität verzichten. Landwirtschaftliche Kleinbetriebe operieren in einem engen Kostenkorsett, aus dem die Gefahr der Selbstversklavung resultiert. Alexander und Sonja wollen nicht 365 Tage im Jahr 2 Mal pro Tag Kühe melken und versorgen und die Rohprodukte verarbeiten. Sie wollen auch Freizeit außerhalb des Betriebs genießen, auf Reisen gehen, ihre Interessen pflegen. 
Maßnahmen der Umstellung provozierten Konflikte mit den Eltern und mit Landwirten der Umgebung, die Alexander und Sonja als zum Scheitern verurteilte "Spinner" bezeichneten. Trotz Alexanders Studiums mediterraner Landwirtschaft war die Lernkurve steil. Irrtümer und Fehlentscheidungen waren bei der Neuausrichtung der Landwirtschaft mangels eigener Erfahrungen unvermeidbar. Alexander und Sonja ließen sich nicht beirren. Sie lernen aus eigenen Fehlern und lassen sich von Good-Practice-Vorbildern inspirieren. Sie besorgen sich Rat von erfahrenen biodynamisch wirtschaftenden Landwirten, von Verbänden biodynamischer Landwirtschaft und aus der Agrarwissenschaft. Sie schärfen das Profil ihres Betriebskonzeptes, realisieren kreative Finanzierungsideen und entwickeln neue Vertriebsmodelle. Heute sind Alexander und Sonja nicht nur mit dem Stand der Umstellung zufrieden, sondern auch mit ihrem wirtschaftlichen Konzept und führen ein glückliches Leben. Der Erfolg hat die Eltern versöhnt. Alexander und Sonja wissen jedoch auch, dass längst noch nicht alles perfekt geraten ist, einige Hürden noch zu nehmen sind und der Betrieb permanent nachjustiert werden muss.

Bauernkollegen, die Alexander vor einigen Jahren noch als "Spinner" betrachteten, sehen den Erfolg des Betriebs ebenfalls. Sie vermeiden jedoch Fragen nach Methoden oder Tips. Alexander will nicht missionieren, aber die Kollegen beginnen, Alexanders Produktionsweise nachzuahmen. Darauf hat Alexander gehofft. Um konventionelle Intensiv-Landschaft, die ohne Rücksicht auf Zukunftsperspektiven, Gesundheit und Tierwohl betrieben wird, in Richtung ethisch akzeptierbarer nachhaltiger Wirtschaft zu verändern, führt die Anklage konventioneller Wirtschaft als Irrweg zu keinem Erfolg. Alternativen müssen aufgezeigt und vorgelebt werden und Erfolgschancen müssen nachgewiesen werden. Nur so ist eine Wende möglich, wie sie der Englhorn-Hof erfolgreich vollzogen hat.

Auch wenn das Format Hofführung mehr Informationsaustausch als Betriebsbesichtigung war, verspüren wir dank Alexander Agethle und Sonja Sagmeister großen Gewinn. Wir haben heute viel gelernt und nehmen zahlreiche Anregungen zum Weiterdenken, zu Recherchen und zur Überprüfung eigenen Verhaltens mit, die beim anschließenden Dinner im Gasthof Zum Goldnen Adler unsere Kommunikation dominieren. - Fotoserie


Vertiefende Informationen
Dieser Post verzichtet auf Ausbreitung von Detailinformationen zur biodynamischen Landwirtschaft im Allgemeinen und zum Entwicklungsprozess der Hofkäserei Englhorn im Besonderen. Vertiefende Informationen bieten die Webseite des Hofs sowie hier verlinkte Artikel und Clips:

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