Samstag, 29. März 2025

St. Pantaleon sehen und verstehen - Abschluss des Besichtungsprojekts bedeutender Kölner Kirchen

1200 Stadt Köln (ca. 25.000 Einwohner) 1500 Jan van der Heyden_St. Pantaleon Romanische Kirche St. Pantaleon   
         Köln um 1200 (25.000 Einwohner)                St. Pantaleon um 1500, Jan van der Heyden        Westwerk St. Pantaleon, 29.03.2025
 
Unser Kulturprojekt 2021/2022 der Besichtigung bedeutender Kölner Kirchen musste die romanische Kirche St. Pantaleon wegen einer über 4 Jahre laufenden Generalsanierung zunächst auslassen. Die Sanierung des Kircheninneren endete im Dezember 2024. Arbeiten im Außenbereich sind noch nicht abgeschlossen. Am 29.03.2025 besichtigen wir St. Pantaleon im Rahmen einer vom Kölner Domforum angebotenen Führung gemeinsam mit 9 weiteren Teilnehmern. Die Kirche ist hochinteressant, auch ihre Architektur, die es jedoch in dieser Gestalt historisch nie gegeben hat und als Rekonstruktion von Prinzipien romanischer Architektur eher ein Ideal repräsentiert. Diese Aussage gilt für alle romanischen Kirchen in Köln. 
Was jeder Besucher wahrnimmt, muss kein Post beschreiben. Spannender als sichtbare und mit ein wenig Sachkenntnis auch für Laien verständliche Architektur sind für den Autor in diesem Komplex nicht unmittelbar sichtbare historische Zusammenhänge von Ereignissen und Ideen, auf die dieser Post primär eingeht, deren Reichtum jedoch in diesem Rahmen nur ansatzweise vermittelbar ist.(1) - Fotoserie
 
 
1. Städtische Lage und Umgebung 

1500 Jan van der Heyden_St. Pantaleon 1571 Ausschnitt Mercatorplan St. Pantaleon
                         St. Pantaleon, ca. 1675, Jan van der Heyden       1570 Kölner Stadtansicht (Ausschnitt), Arnold Mercator

Wie alle großen Kölner romanischen Kirchen war St. Pantaleon keine öffentliche Kirche eines Stadtviertels, sondern sie war eine Klosterkirche und damit einer Elite vorbehalten. Das Kirchengebäude, Reste des ehemaligen Klosters und der Pantaleonspark sind am westlichen Rand der südlichen Altstadt auf dem Pantaleonshügel zu finden. Die Parkanlage markiert grob den für Weinbau genutzten ursprünglichen Immunitätsbezirk des Klosters. Vor der 2. Stadterweiterung des 12. Jahrhunderts lag das Gelände außerhalb der Stadtmauer in ländlicher Umgebung. Seit Errichtung der mittelalterlichen Stadtmauer liegt das Gelände innerhalb der Stadt. Nahe der Kirche befand sich das Pantaleonstor, eines von 12 Stadttoren der ab 1881 bis auf Reste niederlegten mittelalterlichen Stadtmauer
 
1856 Pantaleonstor Feldseite (1894 abgerissen) 1860 Pantaleonsbahnhof vor dem Pantaleonstor 1887 Pantaleonstor_Jakob Scheiner (1894 abgerissen)
 
Während der französischen Besetzung Kölns (1794-1815) wurden das Kloster 1802 aufgelöst und Teile der Stadtmauer entfernt. Das Pantaleonstor blieb zunächst erhalten. Ab 1844 führte eine Eisenbahnlinie der Bonn-Cölner Eisenbahn-Gesellschaft durch das Tor zum vor der Stadt liegendem ersten Kölner Bahnhof, dem Pantaleonsbahnhof in der Nähe des heutigen Barbarossaplatzes. (Im persönlichen Ranking zahlreicher städtebaulich verunglückter Kölner Plätze gehört der Barbarossaplatz zur Spitzengruppe.) Höhenunterschiede zwischen dem Stadttor und der Umgebung glich eine Holzbrücke aus. Die 29 km lange Bahnstrecke über Brühl nach Bonn wurde in 45 Minuten zurückgelegt. 1894 wurden das Pantaleonstor abgerissen und die Bahnstrecke samt Bahnhof stillgelegt.
 
 
2. Baugeschichte St. Pantaleon, historische Frühgeschichte, Narrative und Legenden
 
2.1 Historische Frühgeschichte
  • Am Ort befand sich vom 2. bis 4. Jahrhundert ein römisches Landgut. Besucher der Kirche sehen in der Krypta unter dem Chor durch ein Gitter Reste von Fundamenten.
  • Ab dem 6. Jahrhundert war das Gelände ein Gräberfeld, von dem einige Kalksteinsarkophage erhalten sind.
  • 866 wurde erstmals in einer Güteraufstellung des umstrittenen Erzbischofs Gunthar von Köln (? -873) eine Kirche erwähnt. Gunthar wird der Bau des karolingischen Hildebold-Doms zugeschrieben, Vorgängerkirche des Kölner Doms.
 
2.2 Narrative und Legenden
 
Pantaleon war Arzt und gilt als Patron von Ärzten und Hebammen. Laut ökumenischem Heiligenlexikon ist Pantaleon 278 in Nikomedia (in der heutigen Türkei) geboren und 305 als Märtyrer hingerichtet worden. Pantaleon war ein christlich konvertierter Leibarzt des Kaisers Maximian. Neidische Konkurrenten gab es zu jeder Zeit. Sie denunzierten Pantaleon beim Kaiser, der von ihm verlangte, zu den alten Göttern zurückzukehren. Da sich Pantaleon weigerte, wurde er zum Märtyrer. Ausführlicher als das Heiligenlexikon beschreibt Wikipedia (Pantaleon) das Martyrium. Dank Schutz des Himmels blieb Pantaleon zunächst unversehrt. Schließlich wurde er mit auf den Kopf genagelten Händen enthauptet. Statt Blut floss aus seiner Wunde Milch, durch die ein Olivenbaum, an dem Pantaleon vorher gefesselt war, überreich Früchte trug. Gemäß Überlieferungen starben mit Pantaleon 560 oder sogar 5600 Gefährten als Märtyrer. 11.000 Jungfrauen, die laut Legende mit Ursula von Köln hingerichtet wurden, toppen diese Zahl.
 
971 sandte Kaiser Otto I. Erzbischof Gero von Köln (900-976) nach Konstantinopel, um eine byzantinische Prinzessin als Braut für den Thronfolger Otto II. (955-983) zu casten. Gero brachte Prinzessin Theophanu (955/960-991) mit, eine Nichte des oströmischen Kaisers Johannes I. Tsimiskes. Papst Johannes XIII. vollzog am 14. April 972 in Rom die Eheschließung in der Peterskirche statt und krönte Theophanu zur Kaiserin. Nach dem Tod des Vaters erhob Otto II. seine Ehefrau 974 zur coimperatrix (Mitkaiserin). Die Heiratsurkunde ist im niedersächsischem Landesarchiv Wolfenbüttel erhalten. Die Ehestiftung war politischem Kalkül geschuldet, das in diesem Fall erfolgreich aufging. Nach Jahrhunderten Streit zwischen Ostrom und Westrom über die Oberhoheit im römischen Imperium begann eine Phase friedlicherer Kostexistenz.
Römische Fundamente unter der romanischen Kirche St. Pantaleon Krypta St. Pantaleon, Sarkophag des Erzbischofs Brunos, 10. Jh., Grabplatte Sepp Hürten, 1961 Marmor-Sarkophag der Theophanu (Sepp Hürten, 1966), Bodenmosaik von Maria Fernández Ortiz, 2024, Platte aus Rosso-Persia-Marmor
                 römische Fundamente unter dem Chor        Sarkophag Erzbischof Bruno              Sarkophag Kaiserin Theophanu
 
In der Ostkirche wurde Pantaleon seit dem 4. Jahrhundert verehrt. Im 8. Jahrhundert breitete sich der Kult im Westen aus. In Köln gab es bereits Reliquien des heiligen Pantaleon, aber zum Zentrum des Pantaleon-Kults wurde Köln erst, nachdem Erzbischof Gero aus Konstantinopel neben Theophanu den Körper des Pantaleon mitbrachte, jedoch ohne dessen Kopf. Vermutlich förderte Kaiserin Theophanu den Pantaleon-Kult. Seit der Ehe mit Otto II. soll sich Theophanu bis zu ihrem Tod mindestens einmal pro Jahr in Köln aufgehalten haben und bestimmte die Pantaleonskirche wie Erzbischof Bruno als Grablege. Im Rahmen des 4. Kreuzzugs wurde Konstantinopel geplündert und erobert. In diesem Kontext gelangte die Schädelreliquie des Pantaleon 1208 als Beute nach Köln. Pantaleon wurde in die Gruppe der Vierzehn Nothelfer aufgenommen, was seine Popularität erheblich steigerte und die Pantaleonskirche unter den mehr als 300 Kölner Kirchen zu einer der wichtigsten erhob. 
 
In 11 Ehejahren hatten Otto II. und Theophanu 5 Kinder. Otto II. verstarb 924 im Alter von 28 Jahren. Zum Zeitpunkt seines Todes war bereits ein Sohn im Alter von 3 Jahren als Nachfolger Otto III. (980-1002) bestimmt. Nach Ottos II. Tod residierte Theophanu an verschiedenen Kaiserpfalzen des Reichs und übte bis zu ihrem Tod 991 am Valkhof in Nijmegen die Regierungsgeschäfte aus. Den Marmor-Sarkophag der Neuzeit für Theophanu schuf 1966 der Kölner Bildhauer Sepp Hürten. Die Abdeckung des Sarkophags von Erzbischof Bruno in der Krypta hat ebenfalls Sepp Hürten gefertigt (1961). Mit der jüngsten Sanierung zog Theophanus Sarkophag in das Westwerk um, wo er auch ursprünglich aufgestellt war. Der Sarkophag steht auf einer Platte aus Rosso-Persia-Marmor. Die Bodenplatte umgibt ein Mosaik, das die in Deutschland lebende chilenische Künstlerin Maria Fernández Ortiz gestaltet hat.


2.3 Kloster und Kirche St. Pantaleon
 
2.3.1 Gründung
 
Die karolingisch-ottonische Vorgängerkirche war nach Raubzügen von Normannen im 9. Jahrhundert ausgeplündert und vermutlich weitgehend zerstört. Erzbischof Bruno (Brun) von Köln (925-965), Bruder des Kaisers Otto I. der Große (912-972), wurde 953 zum Kölner Erzbischof gewählt und gründete 955 an diesem Ort ein Benediktinerkloster, dem er Pantaleon-Reliquien stiftete. Ab 957 veranlasste Bruno den Bau von St. Pantaleon. Auf den Gründungsbau geht das Mittelschiff der Kirche zurück. 980 wurde der Chor geweiht. Das komplizierte Patrozinium und historische Hintergründe der Gründung des Kölner Klosters St. Pantaleon beleuchtet ein Artikel im Kulturportal des LVR Rheinland: Benediktinerabtei St. Pantaleon  

2.3.2 Ausbauten, Umbauten, Fremdnutzung, Zerstörung
 
Grundriss St. Pantaleon um 1200 1571 Ausschnitt Mercatorplan Abtei-Pantaleon und Kloster-Weidenbach 1625 Abtei St-Pantaleon, Karl Stengel, Benediktiner
           Grundriss St. Pantaleon um 1200                  1625 Abtei St. Pantaleon, Karl Stengel             1827 St. Pantaleon, Anton Wünsch
  • Das Westwerk wurde um das Jahr 980 gebaut. Als Vorbild gilt das Westwerk der Abteikirche St. Ludgerus in Essen-Werden.
  • Bereits im Zeitraum 984-1000 wurde die Gesamtarchitektur umgebaut und erweitert. 
  • Ab 1150 fand eine dritte Bauphase mit Umbauten und Erneuerungen statt. Ab 1160 wurde die einschiffige karolingisch-ottonische Saalkirche zur dreischiffigen Basilika ausgebaut.
  • Anfang des 16. Jahrhunderts wurde der spätgotische Lettner gestiftet. 
  • Zu Beginn des 17. Jahrhunderts fand eine weitere Umgestaltung statt, mit der die Kirche nachgotisch modernisiert wurde.
  • Mitte des 18. Jahrhunderts erhielt die Kirche eine barocke Innenausstattung. 
1832 St-Pantaleon_Opt-Telegraphie 1827 Lithographie Anton Wünsch_St. Pantaleon Anfang des 19. Jahrhunderts stürzte der südliche Turm des Westwerk ein. Darauf wurden beide Flankentürme bis auf Stümpfe abgebaut und mit barocken Hauben versehen sowie der Mittelturm erneuert und ebenfalls mit barocker Haube ausgestattet. Eine Lithographie von Anton Wünsch aus dem Jahr 1827 vermittelt Eindrücke der Architektur (Bild links).
Unter französischer Besetzung wurde die Kirche geplündert und nach Säkularisierung als Pferdestall genutzt. In der Preußenzeit (1815-187) wurde St. Pantaleon evangelische Garnisonskirche und ein optischer Telegraph für schnelle Nachrichtenübermittlung auf dem Mittelturm installiert, den die Zeichnung des rechten Bilds aus dem Jahr 1832 zeigt (Bild rechts).
 
1890-1892 wurde das Westwerk romanisch restauriert. Nach dem 1. Weltkrieg tauschte die evangelische Gemeinde 1922 beim preußischen Staat St. Pantaleon gegen die Kartäuserkirche ein. St. Pantaleon wurde katholische Pfarrkirche.
 
Kriegsschäden 2. Weltkrieg St. Pantaleon Hauptschiff Richtung WestwerkSt. Pantaleon Südansicht 1945_46 mit Kriegsschäden Wie alle romanischen Kirchen in Köln haben Luftangriffe auch St. Pantaleon stark beschädigt und das Mittelschiffgewölbe sowie die Klosteranlage zerstört. Teile der Innenausstattung konnten gerettet werden, u.a. Lettner, Hochaltar, Kanzel, Reliquenschreine.   
Der Wiederaufbau 1955-1962 rekonstruierte weitgehend die romanische Architektur. Das Deckengewölbe wurde durch eine Kassetten-Flachdecke ersetzt. Die Decke hat der Kölner Maler und Grafiker Dieter Hartmann (1939-2022) gegenständlich-abstrakt mit Motiven der Wurzel Jesse ausgemalt, die jedoch von Besuchern schwer zu identifizieren sind.

2.3.3 St. Pantaleon in der Gegenwart
 
Romanische Kirche St. Pantaleon Deckengemälde "Himmlisches Jerusalem", Gerhard Kadow, 1966 Chor der romanischen Kirche St. Pantaleon Langschiff romanische Kirche St. Pantaleon, Kassettendecke mit Ausmalung von Dieter Hartmann (Wurzel Jesse)
 
In Richtung des Westportals präsentiert sich die Architektur als ein romanisches Juwel. Die Außenrestaurierung von Nord- und Südseite des Längsschiffs ist noch nicht abgeschlossen, sodass Gerüste und Planen die Architektur teilweise verdecken. 
 
Betreten wird die Kirche durch das Westportal, dessen romanische Architektur sich als beeindruckendes Prunkstück darstellt und an die Innengestaltung des Oktogons im Aachener Dom erinnert. Die Decke des Westwerk-Innenraums hat Gerhard Kadow (1909-1981) als himmlisches Jerusalem ausgemalt (1966). In der nördlichen Kapelle des Westwerks ist der Theophanu-Sarkophag aufgestellt. Das schöne Bodenmosaik um den Sarkophag ist 2024 entstanden.
 
Das sowohl lange und schmale als auch schmucklose Längsschiff bildet einen relativ harten Kontrast zum wuchtigen Westwerk. Die Innenausstattung ist nach Plünderungen in der Franzosenzeit und aufgrund der Zerstörung im 2. Weltkrieg eher karg. Umso mehr kommt der spätgotische Lettner als Schmuckstück zur Geltung, auf dem ein barocker Prosepkt des 17. Jahrhunderts eine Orgel des Bonner Orgelbauers Klais aus dem Jahr 1963 verbirgt.
 
Vor dem Lettner stehen im linken und rechten Rundbogen jeweils Glasvitrinen, in denen demnächst kostbare historische Reliquienschreine für die heiligen Albinus und Maurinus ausgestellt werden. Die Gebeine des Albinus schenkte Kaiserin Theophanu 984 dem Kloster (Albin von Rom). Über Maurinus von Köln sind auch in der Heiligenlegende nur wenige Daten überliefert. Während der Generalsanierung waren die Schreine im Museum Schnüttgen zu sehen. Die Rückkehr der Schreine wartet auf Fertigstellung von Sicherungsanlagen.
 
Anders als der gotische Lettner reiben sich im rekonstruierten Innenraum barocke Elemente mit der romanischen Architektur. Unbedingt einen Besuch Wert ist die mit dem ersten Kirchenbau angelegt Stollenkrypta unter dem Chor. Hier unternehmen Besucher einen tiefen Tauchgang in Historie.

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  1. Online-Artikel zur romanischen Kirche St. Pantaleon
    1. Wikipedia: St. Pantaleon (Köln)
    2. Förderverein romanische Kirchen Köln: St. Pantaleon
    3. Baukunst NRW: St. Pantaleon
    4. Altes Köln Wiki: St. Pantaleon
    5. LVR KuLaDig: Benediktinerabtei St. Pantaleon
    6. Homepage der katholischen Kirchengemeinde: St. Pantaleon
    7. Basilika und Wallfahrtsort Vierzehnheiligen: Hl. Pantaleon 
    8. Freundeskreis St. Pantaleon: Geschichte

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