Freitag, 17. Juni 2011

"The Tree of Life" - Ein verstörendes Meisterwerk von Terrence Malick

Wir treffen nur selten auf Filme, die uns so relevant erscheinen, dass wir den Weg ins Kino finden. Seit Wong Kar-Wais Film "2046" aus dem Jahr 2004 konnte uns nach 7 Jahren freiwilliger Abstinenz erst wieder Terrence Malick mit seinem gewaltigen Werk "The Tree of Life" zu einem Kinobesuch bewegen. Soviel vorweg: "The Tree of Life" polarisiert und lässt niemanden kalt. Bereits in Cannes, wo der Film 2011 mit der Goldenen Palme der 64. Filmfestspiele ausgezeichnet wird, vermengen sich Applaus und Buhrufe in der Vorstellung. Nach der Premiere bringen einige Stimmen ihre Enttäuschung zum Ausdruck, weil der Film vermeintlich an seinem Anspruch scheitert. Trefflich spekulieren lässt sich über die Frage, ob Terrence Malicks Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden wäre, wenn "Melancholia" nicht an Lars von Triers Verbalentgleisung gescheitert wäre. 

Massenpublikum-kompatibel kann ein derart anspruchsvoller, bedeutungsschwangerer und gleichzeitig handlungsarmer Film wie "The Tree of Life" niemals sein. Bezeichnenderweise läuft der Film zumindest in Köln ausschließlich in Programmkinos, und die Vorstellung um 17:15 Uhr war lediglich von ca. 25 "Best Agern" der Generation 50plus besucht. Auf die nachfolgende Vorstellung wartete ein etwas zahlreicheres Publikum der gleichen Altersklasse. Selbstverständlich haben diese Beobachtungen keine repräsentative Bedeutung und sollen keineswegs von einem Besuch abschrecken. Im Gegenteil, wer Ingmar Bergmanns "Das siebente Siegel" (1957) oder Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" (1968) als Film schätzt, für den ist "The Tree of Life" ein "must do", und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er diesen Film mehr als lieben, nämlich hingerissen sein von diesem herausragenden Ereignis. Wie bei Bergmann und Kubrick geht es auch bei Malick um nicht weniger als um die großen Fragen der Menschheit nach der Essenz des Lebens, der Existenz Gottes und dessen Einfluss auf das Leben sowie schließlich auch um eine angemessene Haltung gegenüber Antworten auf diese Fragen.

Malick steigt mit "The Tree of Life" nicht in den Sumpf des Lebens, dessen von Drama, Liebe, Wahnsinn überquellende Dreiecksgeschichten die Filmgeschichte durchziehen. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb verstört "The Tree of Life" ähnlich gewaltig und beeindruckend wie Kubricks "2001". Eine Verwandtschaft zwischen den beiden Filmen ist nicht zu übersehen und dürfte auch nicht auf Zufall beruhen. Das beginnt bereits beim Produktionsaufwand. Kubrick hat 3-4 Jahre an "2001" gearbeitet, das Budget um 75 % und den Fertigstellungstermin um 16 Monate überzogen. Über die Rahmenbedingungen von "The Tree of Life" ist wenig bekannt, weil Malick über mehr Produktionsfreiheit verfügt als sie Kubrick hatte. Immerhin hat sich die Produktion über einen Zeitraum von 6 Jahren erstreckt, von denen Malick 3 Jahre im Schneideraum zugebracht haben soll.

Beide Filme bieten Bilder von betörender Schönheit und sprechen starke Emotionen an, verstärkt von eindrucksvoller Musik. Kubricks große Rückblende setzt beim Erwachen menschlicher Kulturgeschichte ein, deren Ursprünge Kubrick zunächst im nackten Kampf um das Überleben ansiedelt, um dann mit einem brutalen Schnitt die Handlung des Films in eine Zukunft zu katapultieren, in der die Qualität des Existenzkampfes kosmische Dimensionen erreicht. Auf den brutalen Schnitt verzichtet auch Malick nicht. Nach einer ergreifenden brieflichen Nachricht über den Tod eines Menschen deutet in der nächsten Szene im Garten des Hauses das Pflanzen eines Baumes eine Versöhnung zwischen Tod und Leben an. Den Frieden dieser Szene beenden abrupt die donnernden Motoren von Flugzeugen, die auf einem Rollfeld für einen Kriegseinsatz vorbereitet werden. Erst im Verlauf des Films wird deutlich, dass Malicks Intentionen zumindest nicht vordergründig darauf abzielen, schicksalhafte Zusammenhänge von Opfertum und Täterschaft in der Tradition klassischer Tragödien darzustellen. Malick verweist vielmehr auf Prozesse einer Naturdynamik, die prinzipiell wertfrei sind. Erst das menschliche Bedürfnis nach Sinnstiftung überhöht diese Dynamik kulturell und kultiviert damit unwissentlich jene Pflanzen, deren Früchte mit Tragik vergiftet sind. Um in unserer Unwissenheit nicht Pflanzen zu kultivieren, deren Früchte für uns tödlich sind, werden zwei Fragen akut: 
  1. Welche Erkenntnis können wir erlangen?
  2. Welche Haltung nehmen wir gegenüber unseren Erkenntnissen und ihre Beschränkungen ein?
Malick verflechtet in "The Tree of Life" zwei völlig unterschiedliche Filme miteinander, deren Szenen vordergründig zwei empirische Ebenen symbolisieren. Die beiden Handlungsebenen stehen zunächst nicht einmal nebeneinander, sondern gleichen eher einem Blick durch zwei nur einen schmalen Spalt geöffnete Türen, die zwei unendlich weit auseinander liegende Räume verschließen. Szenen einer Familie, die offenbar in den 1950er Jahren des amerikanischen Südens der USA lebt, konfrontiert Malick mit Bildern der Evolution vom Urknall bis zur Entwicklung höheren Lebens auf der Erde. Malick macht es dem Betrachter nicht einfach und liefert Deutungen über den Zusammenhang zwischen diesen Bildern nicht mit dem Film aus. Einen Zusammenhang muss der Betrachter selbst herstellen, was aber erst in der Nachbetrachtung und auch erst dann gelingt, wenn sich ein Betrachter auf die Bilder einlässt.

Im Verlauf des Films erschließen sich die Szenen des familiären Alltagslebens als Erinnerungen. Aus einem Puzzle kurzer und längerer szenischer Rückblenden, die ohne Handlungsstrang und darum auch ohne zwingende Abfolge eher nebeneinander stehen, auch wenn sie nacheinander ablaufen, entsteht schließlich das Bild einer Familie. Das "Framing" der Familienszenen mit der Evolutionsgeschichte macht deutlich, dass der Film nicht auf eine spezielle Familiengeschichte fokussiert und Malick auch keine entwicklungspsychologische Lektion erteilen möchte. Ein Verweis auf autobiographische Bezüge führt ebenfalls in die Irre.

Als Urform und Keimzelle des sozialen Zusammenlebens stehen Familie und ihre Personen als Metapher für elementare Bedingungen und Erfahrungen menschlicher Existenz. Im Kontext einer kosmologischen Sicht zeigt Malick menschliche Handlungen und Schicksale als "Snapshots" eines durch den Urknall in Gang gesetzten Energie-Materie-Stroms, in dem alles mit Allem zusammenhängt, dieser Zusammenhang sich jedoch aufgrund unseres extrem eingeschränkten Blickfeldes einer individuellen Wahrnehmung entzieht und darum unverstanden bleibt. Erst gegen Ende des Films führt Malick beide Ebenen zusammen, wobei er sie jedoch der empirischen Beobachtung entrückt und stattdessen mit filmischen Mitteln als Szenen eines inneren Monologs darstellt. Als Folie seiner Projektionen nutzt Malick die Magie von Licht und Landschaften der Canyonlands und der Salzseen im mittleren Westen der USA. In der magischen, offenen Weite dieser bizarren Landschaft einer uns umgebenden Welt reduziert sich das Bewusstsein von uns als Person und von der Bedeutung unserer eigenen Existenz auf seine natürliche Größe. Es wird sehr klein.

Während sich Kubricks Blick ohne naiven Fortschrittsoptimismus eher in die Zukunft richtet, schaut Malick dagegen zurück und findet ebenfalls keine optimistischen Perspektiven. Wie "2001" wirft "The Tree of Life" viele Fragen auf, ohne Antworten anzubieten. Malicks Film kann als Aufforderung verstanden werden, in dem uns treibenden monströsen, kollektiven hedonistischen Strom und trotz der Last der Alltagsbewältigung den Blick auf existenzielle Fragen und die Suche nach relevanten Antworten nicht aufzugeben. Malick macht darauf aufmerksam, dass die von uns als Schicksal empfundene Ohnmächtigkeit gegenüber dem Lauf der Dinge auf Missverständnissen menschlicher Kultursichten basiert. In Anbetracht der Gleichgültigkeit der Natur gegenüber unseren Ansprüchen an das Leben erweisen sich Optimismus und Pessimismus, Glück und Tragik als Irrtümer eines rationalen, zielorientierten Denkens und daher als die falschen Kategorien. Brad Pitt zerbricht als Mr. O’Brien in der Rolle des Vaters an diesem Irrtum.

O’Brian opfert seinen Traum von einer Musikerkarriere den Anforderungen, die das Leben vermeintlich an ihn stellt. Auf dem beruflichen Karriereweg als erfolgreicher Ingenieur gründet er eine Familie und bleibt seiner Familie ein zwar nicht immer geduldiger, aber trotzdem fürsorglicher Ehemann und Vater, der es nicht versäumt seine Söhne auf die Anforderungen und Gefahren des Lebens vorzubereiten. O’Brian verfolgt einen Lebensplan und ist bereit, auch unbequeme Wege einzuschlagen, wenn der Plan das erfordert. O’Brian ist ein erfolgsorientierter Mensch, er bleibt aber auch gottesfürchtig und akzeptiert seine Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen. Sonntags spielt er die Kirchenorgel, und mit der regelmäßigen Abgabe des Zehnten erfüllt O’Brian seine religiösen und mildtätigen Verpflichtungen.

Die Art und Weise, in der O’Brian seine Rolle als Ehemann und Vater ausfüllt, impliziert selbstverständlich auch entwicklungspsychologische Aspekte des Lebens. Diese bilden jedoch nicht den Kern von Malicks Botschaft. Primär geht es um die Angemessenheit von Haltungen gegenüber dem Leben und den zwischenmenschlichen Beziehungen. Mr. O’Brians Haltung lässt sich als Metapher für das männliche Prinzip verstehen. Gemäß dieser Lesart deckt Malick das männliche Prinzip als ein grundlegendes Missverständnis auf, in dem das Scheitern bereits angelegt und darum zwangsläufig ist. O’Brian und seine fragile Lebensplanung müssen scheitern, weil O’Brian sich als ein Fels in der Brandung versteht, der auf festem Grund liegt und anderen Menschen Orientierung und Halt gibt. Diese Sicht macht ihn blind für die Problematik fehlender Geschmeidigkeit eines Felsens, die u.U. eine Kompensation mittels Gewalt provoziert, aber auch ohne jeden Gewaltexzess erodierenden Kräften nicht gewachsen ist, weshalb ein Fels zu Sand zerfällt und als Staub verweht.

Wenn Jack, der älteste Sohn der O’Brians, seine Mutter angreift, weil sie gegenüber ihrem Mann vermeintlich keinen Widerstand leistet, zeigt diese Szene zunächst, dass Jack bereits die Haltung seines Vaters angenommen hat, den er trotzdem lieber tot als lebend wüsste. Gleichzeitig macht die Szene bewusst, dass die Haltung des männlichen Prinzips blind macht für Erkenntnis. Denn die Mutter leistet selbstverständlich Widerstand, aber aus einer sanften, geschmeidigen Haltung heraus, die sich nicht an materialisierbaren Zielen, sondern an Anforderungen des Lebens in den konkreten Gegebenheiten orientiert. Nur darum gelingt der Mutter eine angemessene Gestaltung von Lebenssituationen, ohne der Bedeutungslosigkeit eines pragmatischen Opportunismus zu verfallen. O’Brian erkennt zumindest, dass seine Frau eine andere Haltung einnimmt und wirft ihr vor, dass sie ihn nicht unterstütze, sondern sogar unterlaufe.

O’Brian Haltung basiert auf einem erfolgsorientierten Pragmatismus, der sich als Falle erweist, weil er blind macht für die wirklichen Anforderungen des Lebens. Vorübergehend bewegt sich O’Brian auf einer Erfolgsspur und fällt darum umso tiefer in seiner persönlichen Katastrophe. Am Ende steht er wie der Ritter Antonius Block in Bergmanns Film „Das siebente Siegel“ vor den Trümmern seines Lebens und verzweifelt an Gott, der sich nicht gemäß der Erwartung rationaler Kalküle "männlich" verhält und sich nicht zeigt.
Befreit vom Schleier des Alltagsgeschehens, vom oberflächlichen Glück hedonistischen Strebens und vom Trost sinnstiftender Weltdeutungen müssen wir auf die Wucht der Emotionen von Verlust, Trauer und Schuld gefasst sein. Unsere irrlichternde Suche nach Orientierung in dem Meer unserer Emotionen verhöhnt Malick jedoch nicht als würdelose Komik des Absurden. Resignation ist für Malick keine relevante Option. Malick lenkt unseren Blick auf die Option, der Gleichgültigkeit der Natur gegenüber unserem Leid mit Liebe zu begegnen. Nur mittels Liebe bewahren wir unsere Würde, weil Liebe gnädig stimmt. Liebe lindert unseren Schmerz, schenkt uns Trost und öffnet eine Tür in den großen kosmischen Zusammenhang, den wir zwar nicht intellektuell zu erfassen vermögen, aber emotional wahrnehmen können. Jessica Chastain verkörpert in der Rolle als Mutter diese Haltung.

Hans Dieter Hüsch hätte wahrscheinlich nicht widersprochen, aber vielleicht an dieser Stelle einen "pastoralen Drücker" angemerkt. Allerdings scheut der imaginäre Vorredner mit seiner Aufforderung zur "Solidarität der Kreaturen" ebenfalls nicht den "pastoralen Drücker". Wir schließen uns an und verneigen uns mit Dankbarkeit und Ehrfurcht vor Terrence Malick, der uns mit seinem großartigen Werk den Stellenwert unserer eigenen Existenz in ihrer infinitesimalen Bedeutung bewusst macht. Um am Leben nicht zu verzweifeln, darf sich das soziale Leben nicht auf das Funktionieren in zugewiesenen oder selbst gewählten Rollen unserer Kultur beschränken. Malick geht noch weiter und deutet an, dass aus Sicht des Großen und Ganzen selbst die Relevanz abstrakter und kulturübergeifender ethisch-moralischer Prinzipien fraglich wird.
 
Verzichten möchten wir auf das stützende Korsett kulturell kodifizierter Werte trotzdem nicht, solange wir uns nicht wieder zu Energie-Materie-Partikeln oder kosmischen Staub aufgelöst haben, sondern im Hier und Jetzt leben.
 
Amen

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