Dienstag, 28. Juni 2011

Helmut läuft nicht mehr!


Das Kostbarste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. 
(Nikolai Alexejewitsch Ostrowski: "Wie der Stahl gehärtet wurde")

Obwohl Helmut gerne länger geblieben wäre und wir ihn gerne bei uns gewusst hätten, müssen wir nur 4 Tage nach Helmuts 76. Geburtstag am 28.06.2011 das Ende des Kampfes gegen den Tumor akzeptieren. Gegenüber einem im besten Sinne „feinen Menschen“ zeigt sich zuletzt selbst der Tod gnädig und lässt Helmut gegen 18:00 Uhr im engsten Familienkreis zu Hause sanft entschlafen. 








Der Mensch
Ein Gruß aus Kreta an uns im Mai 2010
Helmut hat gerne gelebt und war des Lebens noch lange nicht überdrüssig. Darum trifft er vor zwei Jahren die Entscheidung, mit Unterstützung seiner Familie und dank einiger engagierter Mediziner den Kampf gegen seinen Tumor trotz geringer Chancen aufzunehmen. 
Noch im Mai 2010 ermöglicht Ralf seinen Eltern, Heide und Helmut, den Abschied von ihrer geliebten Insel Kreta, mit der sie viele Erinnerungen an glückliche Zeiten verbinden. Die Progredienz der Erkrankung ist bereits zu diesem Zeitpunkt nicht zu übersehen.
Seit Ende des letzten Jahres wird zur Gewissheit, dass der Kampf gegen diesen übermächtigen Gegner nicht zu gewinnen ist. Helmuts Geduld und Sanftmut irritieren uns mitunter, weil sie für uns aus einer anderen Welt sind. Mit der gleichen Ruhe und Gelassenheit nimmt er sein Schicksal ohne Klage in einer Würde entgegen, die uns beschämt und vor der wir uns ehrfürchtig verneigen.

Die Nachricht von Helmuts Tod ist keine wirkliche Überraschung. Einen Freund zu verlieren, dem wir seit 23 Jahren eng verbunden sind, geht uns trotzdem nahe und setzt auch bei seinen Freunden schmerzhafte Emotionen frei. Ein wenig tröstet uns die Überzeugung, dass Helmut ein reiches Leben geführt hat, obwohl er sich nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens aufhalten konnte und im materiellen Sinne keineswegs reich war. Sein Reichtum ist anderer Art. Helmut hat uns seine Liebe geschenkt und stets viel gegeben, ohne selbst zu fordern. Als Helmut unter der fortschreitenden Entwicklung des Tumors immer stärker von Fürsorge abhängig wird, erweist sich die Kraft seiner Liebe. Heide umsorgt Helmut bis zuletzt über die Grenzen ihrer eigenen Kraft hinaus mit einer liebevollen Hingabe, die unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Die Art und Weise, wie ein Lebenspartner nach 43 Ehejahren diese übermenschlich schwere Aufgabe annimmt und bewältigt, um erst dem Tod die letzte Trennung zu überlassen, bewundern wir mit größtem Respekt. Die beiden Söhne, Ralf und Torsten, übernehmen Verantwortung im Rahmen der Kräfte, die sie zu leisten vermögen, und die zahlreichen Freunde stehen ebenfalls bereit.

Helmuts Streben nach Harmonie und Gleichgewicht und sein Sinn für Ästhetik bewähren sich nicht nur in seinem Privatleben, sondern bestimmen auch sein Berufsleben als Architekt und dürften seine Berufswahl motiviert haben. Seine besondere Vorliebe für Kunst und Architektur des Altertums mag erklären, weshalb Kreta eine magische Anziehungskraft entfalten konnte. Die unvermeidbaren Schattenseiten des Architektenberufes verspüren auch Helmut und seine Familie. Der Konjunkturabhängigkeit und Krisenanfälligkeit der Bauwirtschaft ist geschuldet, dass es prinzipiell nur zuviel oder zuwenig Arbeit gibt und niemals ein gesundes Mittelmaß. Den Folgen des Konkurses seines letzten Arbeitgebers, der Philipp Holzmann AG, kann Helmut glücklicherweise mit dem Ruhestand entgehen.

Trotz einer gewissen wirtschaftlichen Unsicherheit ermöglichen Heide und Helmut beiden Söhnen eine hoch qualifizierte Ausbildung. Die Verpflichtung zur Fürsorge endet für Helmut nicht bei der eigenen Familie, sondern erstreckt sich auch auf die eigene Mutter bis zu ihrem Tod in dem hoch betagten Alter von 94 Jahren. Mit ihrem Enkel Jona brechen für Heide und Helmut neue glückliche Zeiten an. Die zeitweiligen Betreuungsaufgaben empfinden sie nie als Last, sondern im Gegenteil als den Sonnenschein im Alltag.

Für die Nachbarschaft in dem Mehrparteienhaus ist Helmut immer die erste Anlaufstelle, wenn es nachbarschaftliche Probleme zu lösen gilt. Selbst den Ortsgruppenverein der SPD lässt er nicht hängen, wenn vor Wahlen Helmuts unentgeltliche Hilfe angefordert wird. Über dieses Engagement haben wir häufig geschmunzelt, zumal die sog. „Wahlpartys“ der SPD immer seltener Anlass zum Feiern bieten. Aber Helmut lässt sich nicht davon abhalten, auch seinen Beitrag als politischer Staatsbürger zu leisten.

Für Helmut wird erst mit Humor ein Leben auf Dauer lebenswert. Zu Karneval zeigt sich Helmut gerne in einem Clown-Kostüm, das in Wirklichkeit viel mehr als ein Kostüm ist, es ist ein Statement zu seiner Lebenshaltung. Helmut liebt den volkstümlichen Karneval. Der Besuch der „Lachenden Sporthalle“ zählt zu den alljährlichen Höhepunkten der Session. Als bekennender Anhänger kölscher Lebensart erreichen die Songs der „Black Fööss“ Helmuts Herz unmittelbar, weshalb die „Fööss“ Kult sind. Heide und Helmut lassen möglichst keine Konzerte der „Fööss“ aus, und Veranstaltungen wie „Loss mer singe“ begeistern beide.

Der Sportler
Gemäß der lateinischen Wendung "anima sana in corpore sano" ist sportliche Betätigung für Helmut ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens. Als Jugendlicher läuft Helmut leistungsorientiert auf der Mittelstrecke. Als Erwachsener spielt Helmut viele Jahre gemeinsam mit seinem Bruder Klaus wettkampfmäßig Badminton. Als Heide und Helmuts Söhne nicht mehr für die sonntäglichen Familienspaziergänge zu begeistern sind, findet die ganze Familie 1979 zum Laufen als gemeinsames Hobby.

1985 läuft Helmut im Alter von 50 Jahren in Duisburg seinen ersten Marathon und erzielt dort auch seine Bestzeit von 3:46 Std. Mehr als 40 Marathons sind es insgesamt geworden, obwohl Helmut nie ein Läufer vom Typ „Kilometerfresser“ war. Vor die Wahl gestellt, sich entweder über Monate im Training für die Chance auf einen unsicheren Marathonerfolg zu quälen oder lieber locker zu trainieren, um sich dann nur einmal im Marathon zu quälen, hat Helmut gerne die zweite Option vorgezogen. Schnelligkeit war Helmut ohnehin wichtiger als Ausdauer. Dass Helmut trotz eines minimalen Trainingsaufwandes regelmäßig das Ziel erreicht, beweist ein sportliches Potential, das Helmut jedoch auf Langstrecken nicht ausschöpft. Helmut beweist sich als ein Finisher, der eine begonne Sache zu Ende bringt, nachdem er die positive Entscheidung getroffen hat.

Höhepunkte in Helmuts Marathonkarriere sind neben dem Marathon von New York, ein Geschenk seiner Familie zu seinem 60. Geburtstag, der Marathon von Prag, der Stadt seiner Kindheit, sowie der Marathon von Paris. Nicht von ungefähr bezeichnet Helmut Paris als seine Lieblingsstadt. Bei aller Bescheidenheit ist Helmut nämlich auch ein Genießer, der insbesondere die französische Lebensart schätzt und für einen guten französischen Rotwein Vorsätze einer asketischen Lebensweise mitunter vorübergehend zurückstellt. Selbstverständlich bestreiten Heide und Helmut auch etliche Köln-Marathons aktiv und erlangen 2003 als Kölner Marathonläufer sogar Fernsehpopularität im WDR.

Stationen unserer Freundschaft
Kennengelernt haben wir Heide und Helmut 1988 dank läuferischer Aktivitäten, bei denen sich unsere Wege mehrfach kreuzen. Aus den zunächst gelegentlichen Treffen bei Volksläufen wird ab 1990 das gemeinsame Training am Wochenende zu einer institutionalisierten Einrichtung. Wir profitieren stark von Heide und Helmuts zehnjährigem Erfahrungsvorsprung. Sie machen uns mit interessanten Laufveranstaltungen bekannt, die wir oft gemeinsam besuchen. Sie ermutigen uns zum Marathonlauf, indem sie uns die Befürchtungen vor vermeintlich übermenschlichen Anstrengungen nehmen. Wir vertrauen ihnen und starten mit ihrem Zuspruch 1990 in Berlin unsere eigene Marathonkarriere.

Etliche Marathonläufe planen wir gemeinsam und bauen sie gerne zu einer gemeinsamen Mini-Urlaubsreise aus. Mittlerweile ist nämlich aus der Lauffreundschaft eine Lebensfreundschaft entstanden, die uns auch außerhalb des Laufens verbindet. Unseren gemeinsamen Laufreisen verdanken wir einige starke und darum unvergessliche Erinnerungen.

Ein spezieller jährlicher Höhepunkt ist die von Ingeborg und Helmut Urbach mit dem GSV Porz organisierte Winterlaufserie, für uns über viele Jahre ein Standardprogramm. Bei dieser legendären Veranstaltung schlagen wir so manche Schlammschlacht. Nach dem Lauf ist spätestens bei Glühwein und Bratwurst vom Grill das Leben wieder wunderschön.  

Besonders denkwürdig ist unsere erste mehrtägige gemeinsame Laufreise, die uns 1994 zum Höhenwanderweg des Rennsteigs im Thüringer Wald bringt. Heide und Helmut kennen bereits die Kultveranstaltung des Rennsteiglaufs, von der sie mit großer Begeisterung berichten. Wir schließen uns der Gruppe des Allianz Sportvereins an, der neben Heide und Helmut auch Torsten angehört. Dass Torsten diese Strecke laufen kann, ist für uns keine Frage. Aber auch Helmut und ich sind so mutig, die Herausforderung des sog. „langen Kantens“ anzunehmen, eine Ultra-Langstrecke von 66,5 km, die mit einer Gesamthöhendifferenz von ca. 2.000 m ein echter Hammer ist. Jenseits der Marathondistanz verfügen wir beide über keine Erfahrungen, und so stürzen wir uns mit naivem Optimismus in dieses Abenteuer. Im Nachhinein erscheint es als bemerkenswert, dass wir dieses Abenteuer erfolgreich und unbeschadet überstehen.
  
Mit gewohnt minimalem Trainingsaufwand benötigt Helmut 8:56 Std. für den „langen Kanten“. Das Ziel befindet sich in Schmiedefeld, wo wir Helmut extrem erleichtert in Empfang nehmen, nachdem Heide schon das Schlimmste befürchtet.  Helmut berichtet im Ziel, dass er sich an dem als „Bierfleck“ bezeichneten letzten Getränkestand der „Alten Tränke“ mit einem Köstritzer Schwarzbier für den Rest der Strecke stärken konnte, was ihn dann auch tatsächlich gerettet habe. Im Ziel ist Helmuts Beinmuskulatur derart lädiert, dass er sich nur mit unserer Hilfe umkleiden kann. Immerhin wird Helmut im Ziel empfangen, während Torsten und ich unbeachtet einlaufen, weil sich Heide und Gisela nach ihrem Halbmarathon einen Mittagsschlaf gönnen.

Der „lange Kanten“ von 1994 sollte dann auch Helmuts letzter Ultra bleiben, während wir die langen Strecken zu lieben lernen und alleine 5 Ultras auf dem Rennsteig laufen.

1999 fahren wir ein weiteres Mal gemeinsam zum Rennsteiglauf. Helmut und Gisela überlassen mir den „langen Kanten“ und treten selbst zum kürzeren Marathon an, wo sie am Start voller Inbrunst im Chor mit den anderen Läufern in das „Rennsteigläuferlied“ zur Melodie des Schneewalzers einstimmen.






Ab dem Jahr 2000 etabliert sich der Advent-Waldmarathon von Bad Arolsen zu einer fast schon traditionellen Laufreise unserer Laufgruppe. Den Komfort des Schlosshotels genießen wir in Arolsen zu „Schmuddelwetterpreisen“. Am Anreisetag schlendern wir über den Weihnachtsmarkt und heizen uns mit Glühwein für den winterlichen Lauf am nächsten Morgen auf. Vor und nach dem Lauf findet das von Heinrich Kuhaupt launig moderierte große, gesellige Treffen aller Teilnehmer und ihrer Begleiter in der Twistesee-Halle statt. Am Abend nach dem Marathon feiern wir in der „Tenne“ und staunen, wie Helmut seine Heide nach einem Marathon über das Tanzparkett wirbelt. 









Dem Zusammenhalt und der Freundschaft unserer Laufgruppe ist zu verdanken, dass wir über viele Jahre persönliche Feste oft gemeinsam feiern und uns auch jenseits besonderer Anlässe außerhalb des Laufens treffen. Unsere Verbundenheit wächst aus den wöchentlichen Lauftreffs, die wir über fast 20 Jahre kultivieren. 












Überwiegend treffen wir uns samstags um 9:00 Uhr zum Laufen im Königsforst, den wir dank Helmuts guter Ortskenntnis kennen und lieben lernen. Je nach Wetterlage erweist sich zu den jeweiligen Terminen, dass es zum Laufen eigentlich zu früh oder zu spät ist, falls wir uns nicht selbst aufgrund von Regen, Kälte oder Hitze für verrückt erklären. Sollten diese Argumente einmal ausfallen, stellen die zu bewältigenden Berge jede Vernunft in Frage. Themen, die uns aktuell beschäftigen, bearbeiten wir regelmäßig auf der Strecke, jedoch keineswegs immer einvernehmlich. Meinungsdifferenzen können wir meistens respektieren. Zum Streit kommt es nie. Nach dem Lauf sind wir alle glücklich und zufrieden und freuen uns auf das nächste Treffen. 




In den Jahren 2005/6 nehmen Helmut und ich an einer medizinisch-wissenschaftlichen Studie teil, deren Erkenntnisse als „Marathonstudie“ weltweite Beachtung finden. Untersucht wird die koronare Situation ausdauertrainierter Marathonläufer der Altersgruppe 50+ im Vergleich zu untrainierten Männern dieser Altersgruppe. Um die Wettkampfbelastung einbeziehen zu können, verpflichten sich die Probanden zur Teilnahme am Düsseldorf-Marathon 2006. Die Ergebnisse zeigen aus kardiologischer Sicht für Helmut als Raucher keine besonderen Risiken, während ich als Nichtraucher durchfalle. Es sind wohl andere Laster und Lasten, die ebenfalls unerwünschten Einfluss ausüben.




Wenn das Laufen für Helmut trotzdem in den nächsten Jahren so beschwerlich wird, dass sich dieser Einbruch nicht alleine als altersbedingter Leistungsabfall erklären lässt, dürfte diese Beobachtung auf den zu diesem Zeitpunkt noch unentdeckten Tumor zurückzuführen sein. Solange es möglich ist, machen wir gemeinsam weiter, auch wenn die Runden kleiner und das Tempo langsamer wird. Selbst im Zeitraum der unmittelbaren Manifestation des Befundes findet unser Lauftreff noch statt. Helmut geht jetzt spazieren, während Heide mit uns eine Runde läuft, bis wir uns wieder am Parkplatz treffen. Als das Gehen nur noch mit Hilfen gelingt, suchen wir neue Alternativen.







Jahreshöhepunkt unserer Lauftreffs ist unsere kleine Weihnachtsfeier, die wir i.d.R. beim letzten Treffen vor den Weihnachtsfeiertagen nach dem Lauf im Gelände zelebrieren. Wenn der Wind es zulässt, zünden wir Kerzen und sogar Wunderkerzen an. Mit dicker Kleidung und Decken halten wir uns warm. Wir schnacken eine Weile bei Glühwein, Brötchen und selbst gebackenen Plätzchen und stellen alljährlich fest, dass diese bescheidene Feier für uns ein Höhepunkt aller Weihnachtsfeierlichkeiten ist. Dieses fragile kleine Glück begleitet uns über viele Jahre.
Nachdem sich leider seit einiger Zeit Zeichen einer Erosion manifestieren, musste in Anbetracht der Situation unsere Feier 2010 mit der vertrauten Runde im Gelände ausfallen, weshalb wir gemeinsam mit Claudia und Harald ein Gänseessen für die verhinderten Läufer organisieren. 





Wir werden uns jetzt an den unschönen Gedanken gewöhnen müssen, dass dieses Glück unserer Freundschaft der Vergangenheit angehört. Die Umstellung wird uns schwer fallen, und die Erinnerung tröstet uns nur wenig. Helmut fehlt! 

Zur Trauerfeier am 12.07.2011 finden sich viele Verwandte, Freunde und Nachbarn auf dem Friedhof von Köln-Deutz ein, um Helmut auf dem letzten Weg zu begleiten und mit seiner Familie zu trauern. Die kleine Trauerhalle vermag gar nicht alle Trauergäste zu fassen. Zum Abschied stellt sich Helmuts Wetter ein, strahlender Sonnenschein mit Temperaturen von mehr als 30 Grad.






Ortsunkundige, die Helmuts Grab besuchen möchten, können sich an dieser Übersicht orientieren.
(anklicken zum Vergrößerung bzw. zum Drucken)

Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln:
Bus-Linie 156 bis zur Haltestelle "Deutzer Friedhof"
oder
Stadtbahn-Linie 7 bis zu der Haltestelle "Poller Kirchweg / Raiffeisenstraße"

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