Links: Inka-Keramik(?) - Mitte: Handmade native Navajo-Keramik aus dem Canyon de Chelly - Rechts: Siegburger Keramikkrug
Unsere Küche dekorieren drei auf einem Glasboden aufgestellte Gefäße. Mit jedem der Objekte verbinden wir besondere Erinnerungen unserer Biografie. Mit der links abgebildeten Keramik befasst sich der Post Inka-Keramik? - Anmerkungen zu einem Objekt unserer Küchendekoration. Die Herkunft des mittleren Gefäßes gibt keine Rätsel auf. Wir haben es
im Mai 2013 auf einer Rundreise durch den Südwesten der USA in Arizona
im Gebiet der Navajo Nation Reservation bei einer Wanderung auf dem White House Ruins Trail im Canyon de Chelly von einer indigenen Frau aus dem Volk der Navajo inkl. Segenswunsch God Bless You erstanden. Mit der Navajo-Keramik befasst sich der Post Navajo-Vase - Anmerkungen zu einer Küchen-Keramik aus der Neuen Welt. Dieser Post befasst sich mit dem rechts abgebildeten Keramikgefäß.
Kurz bevor unsere Vermieterin 1990 hochbetagt verstarb, schenkte sie uns aus ihrem Besitz dieses Gefäß und erklärte, dass es sich um ein antikes römisches Gefäß handelt. Die Einordnung als römisch ist ein in Köln typisches Stereotyp von Halbwissen mit Chancen auf erfolgreiches Raten. Die Stadt Köln hat sich ab 9 n.C. aus einem römischen Garnisonsort entwickelt. Bis Mitte des 4. Jahrhunderts war Köln eine der bedeutendsten römischen Kolonien nördlich des Alpenraums. Kulturschichten nachfolgender Zeit und zwei Weltkriege haben Spuren römischer Kultur nicht vollständig beseitigt. Wenn im Raum Köln alte kulturelle Artefakte gefunden werden, gelten sie bei Laien spontan als römischer Nachlass. Wir sind keine archäologischen Experten, aber an dieser Einordnung des Gefäßes haben wir schon immer gezweifelt, weil keine Anmutungen römischer Kultur zu erkennen sind. Mit diesem Zustand haben wir uns seit 1990 arrangiert, aber jetzt möchten wir es genauer wissen und lernen viel über regionale Kultur.
Einordnung unseres Krugs
![]() |
| Unser Krug |
![]() |
| Zylindershalskrug des Museums Bergischer Geschichtsverein e.V. |
Mit geeigneten Suchbegriffen finden Recherchen Informationen über historischer Keramik im Rheinland. Einer dieser Funde zeigt den hier rechts abgebildeten Keramikkrug mit der Beschreibung "Bauchiger Zylinderhalskrug "Siegburger Art" mit Wellenfuß, Wandung mit horizontalem Rillendekor, Henkelkrug. Fuß aus Plastilin, grob nachgearbeitet, mit Übergang auf originales Material." (Museum digital Rheinland: Zylinderhalskrug - Datenblatt)
Die beiden Krüge könnten fast Zwillinge sein. Sie stammen offensichtlich aus sehr ähnlicher Produktion, vielleicht sogar aus der gleichen Werkstatt. Nicht nur die Form, sondern auch Maße liegen nahe beieinander. Der rechte Krug ist mit 16 cm Höhe und 9 cm Durchmesser angegeben. Unser Krug ist 17 cm hoch und hat ca. 10,5 cm Durchmesser. Das Datenblatt des Museums nennt das 15.-16. Jahrhundert als zeitliche und Siegburg [wahrsch.] als räumliche Einordnung.
Gefundene Information sind relativ grob und motivieren zu weiteren Recherchen. Präzisere Informationen beschreibt der Bonner Historiker und Archäologe Gerald Volker Grimm im Essay Typochronologie rheinischer Trichterhalsgefäße, den das LVR-Landesmuseum Bonn auf den Seiten 151-165 in einem Sammelband herausgegeben hat: Schmauder, Michael; Roehmer, Marion (Hrsg.): Keramik als Handelsgut. Produktion – Distribution – Konsumption. 49. Symposium Keramikforschung des Arbeitskreises für Keramikforschung, des LVR-LandesMuseums Bonn, der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Bonn 2019, (Bonner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie; 23). Online ist der Essay per Link verfügbar (CC BY-SA 4.0): https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/5144/
Details unseres Krugs sind im zitierten Essay sowie im Wikipedia-Artikel Siegburger Steinzeug nachvollziehbar:
- Der Hals unseres Krugs hat keine trichterförmige Mündung, sondern ist als Zylinder geformt. Früheste Krüge dieser Art werden auf 1370 datiert. Ab dem Jahr 1400 setzten sich Trichterhalsgefäße mit erweiterten Mündungen durch. Bis 1420 wurden am Hals des Krugs und am Gefäßbauch deutlich sichtbare Rillen bzw. Riefen als Zierkerben angebracht. Ab 1420 setzte sich Verzicht auf Dekor durch. Mit hoher Wahrscheinlichkeit entstand unser Krug im Zeitraum zwischen 1370 und 1420.
- Erkennbar sind Reste einer Lasur.
- Der Fuß des Krugs wurde mit Fingern als Wellen geformt. Wellenfüße sind ein markantes Merkmal Siegburger Keramik. Wellenfüße symbolisieren Wasser oder Gewässer und sind auch in der Heraldik verbreitet.
- Siegburger Steinzeug besteht überwiegend aus Gebrauchskeramik. Wasserdichte Krüge wurden als Trinkgeschirr verwendet.
Historie Siegburger Steinzeug
Mit Gefäßen vom Typ Trichterhalsbecher erlangte Siegburger Steinzeug ab Mitte des 14. Jahrhunderts überregionale Bedeutung und war bis im 17. Jahrhundert in ganz Europa verbreitet. Da der Handel von Siegburger Steinzeug von Kölner Kaufleuten betrieben wurde, wurden die Produkte im Ausland oft fälschlich als Kölner Steinzeug bezeichnet. Tatsächlich unterschied sich Kölner Steinzeug deutlich von Siegburger Steinzeug. Weitere Informationen bietet der Wikipedia-Artikel Siegburger Steinzeug:
Siegburger Steinzeug ist eine keramische Warenart, die im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit im rheinländischen Töpferort Siegburg-Aulgasse produziert wurde. Die Siegburger Gefäßkeramik wurde im 14. bis 17. Jahrhundert in großen Mengen in ganz Europa gehandelt und gilt neben ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung als wichtiger Marker bei der Datierung archäologischer Fundstellen aus dieser Zeit. Sie ist eine der dominierenden Warenarten unter dem Deutschen Steinzeug.
[In Siegburg verwendeter] tertiäre[r] feuerfeste[r] Ton ist von einer gleichmäßig feinen Körnung und arm an Eisenoxid. Die Eisenarmut führt dazu, dass der Siegburger Ton zu einem hellen, fast weißen Scherben brennt. Er wurde bereits seit der Römerzeit abgebaut und für die Herstellung von irdenem Geschirr genutzt. Der Ton für die Steinzeugproduktion wurde vornehmlich zwischen Siegburg und Lohmar in den Klinkenberger Marken und im Lohmarer Wald gewonnen.
Siegburger Töpfer verarbeiteten den hellen Siegburger Ton vor allem für
Gebrauchskeramik. Für den Adel und reiche Kaufleute wurden auch als Siegburger Schnelle
bezeichnete luxuriöse Trinkgefäße und andere Gefäßtypen mit kunstvollem
Dekor hergestellt und in ganz Europa vertrieben. Gut erhaltene
historische Objekte erreichen im Handel der Gegenwart vierstellige Preise. Details der frühneuzeitlichen Verbreitung von Siegburger
Steinzeug beschreibt eine wissenschaftliche Veröffentlichung des Archäologen Christoph Keller: Siegburger Steinzeug des 15. und 16. Jahrhunderts in Süddeutschland und den Alpenländern – Handelsgut oder persönlicher Besitz (PDF), in: Zeitschrift Archäologie im Rheinland 2017(2018), S. 180-184. Der Wikipedia-Eintrag Kölner Steinzeug sagt:
Die Metropole Köln [war] der wichtigste Umschlagsplatz für Rheinisches
Steinzeug. Zentrum des Handels war der Alter Markt. Auch die
Erzeugnisse aus den benachbarten Töpferzentren wurden von Köln aus nach
ganz Europa gehandelt.
Köln war als Hansestadt ein bedeutendes Mitglied des mittelalterlichen Städtebunds der Hanse und zählte zu den neun Städten, die auf dem letzten Hansetag 1669 vertreten
waren. Zur Blütezeit waren fast 200 Städte der Hanse angeschlossen. Auf Handelsrouten der Hanse verbreitete sich Siegburger
Steinzeug im gesamten Handelsraum der Hanse an der Nord- und Ostsee. "Siegburger Steinzeug [erreichte] im
Ostseeraum teilweise Marktanteile von weit über 50 % und wurde dadurch
neben südniedersächsischen Produkten zu einer der häufigsten Warenarten
im Keramikspektrum nordeuropäischer Städte." (Christoph Keller, Siegburger Steinzeug, a.a.O., S. 180f.)
Herstellung und Handel der Gefäße waren unter Kontrolle der ehemals mächtigen Siegburger Abtei St. Michael streng reglementiert. Die strenge Zunftordnung der Siegburger Töpfer regelte Herstellung und Handel des Siegburger Steinzeugs in 42 Artikeln:
In der gesperrten Zunft durfte das Wissen der Siegburger Töpfer nur an ehelich geborene Söhne weitergegeben werden. Die Lehrzeit betrug sechs Jahre. Verstarb ein Töpfer ohne Nachfolger, so war es dessen Witwe erlaubt, das Geschäft fortzuführen.
Einem Töpfermeister wurde die Anzahl der Öfen vorgegeben, die er im Jahr fahren durfte. Im Normalfall waren das neun bis sechzehn Öfen, die zwischen Aschermittwoch und dem Martinstag bestückt werden durften. Während der Frostperiode im Winter war die Herstellung von Steinzeug aus qualitativen Gründen untersagt. Eine Ausnahme bildeten Steinzeugbestellungen der Kölner Herren, die auch in den Wintermonaten bedient werden durften. Vier gekorene Meister (Kerbmeister), von denen jährlich zwei neu gewählt wurden, überwachten die Einhaltung der Zunftordnung. Sie legten Produktionsmengen und Preise fest und vertraten die Ulnerzunft in allen Belangen nach außen. Ihre Urteile konnten ausschließlich beim Abt angefochten werden. [...] Die strenge Ordnung der gesperrten Ulnerzunft bewirkte, dass die Steinzeugproduktion Siegburgs über Jahrhunderte in der Hand einiger weniger Familien war.
Regionale Verbreitung des Töpfer-Handwerks und sprachlichen Defintionen
Die Aulgasse liegt im Nordosten der Siegburger Altstadt. Im 15. Jahrhundert entstand Aulgasse als dörfliche Töpfersiedlung an der Sieg außerhalb von Siegburg. Auch in der abgebildeten Karte aus dem Jahr 1810 liegt die als Ulgasse bezeichnete Siedlung noch außerhalb der Stadt. Die untere Sieg mäanderte vor der Regulierung im 20. Jahrhundert in der Landschaft zwischen Siebengebirge und Westerwald. Der Name des Orts Aulgasse geht auf den altdeutschen Begriff Ul für Topf zurück. Als Berufsbezeichnung für das Handwerk der Töpfer hat sich Euler, Eulner oder Aulner durchgesetzt. Vor 1600 wurden Töpfer auch als Ulner, Oilner, Oelner, Oulner, Euler, Aueler bezeichnet. Ul und Euler sind Ableitungen vom lateinischen Begriff olla oder aulla für Topf. Der Begriff Ofen stammt vermutlich aus derselben sprachlichen Wurzel. Details beschreibt der Wikipedia-Eintrag Euler.
In Köln dominierte bis Mitte des 16. Jahrhunderts als hochwertiger geltendes Kölner Steinzeug. Siegburger Steinzeug setzte sich in Köln erst durch, nachdem die Stadt im 16. Jahrhundert die Herstellung von Steinzeug verboten und Töpfer vertrieben hat. Zitat aus dem Wikipedia-Eintrag Kölner Steinzeug:
Obwohl das rheinische Steinzeug auch bei den Kölner Bürgern höchst populär war, waren die Steinzeugtöpfer selbst in der Bevölkerung unbeliebt. Die Bevölkerung fürchtete die Brandgefahr durch die Brennöfen, die zur Steinzeugherstellung oft wochenlang befeuert wurden. Zudem fühlten sie sich durch den Chlorgestank belästigt, den der Anguss der Salzglasur mit sich brachte. Durch den hohen Bedarf an Brennholz für die Öfen waren ganze Wälder in der Umgebung von Köln im 16. Jahrhundert abgeholzt worden, was den Holzpreis rasant ansteigen ließ. Auch politisch waren die Kölner Steinzeugtöpfer benachteiligt, da es ihnen nie gelungen war, eine eigene schützende Gilde zu gründen. Gemäß dem Zunftzwang waren sie der fachfremden Steinmetzgilde angegliedert, in der es jedoch ständig Hegemoniestreitigkeiten der angeschlossenen Handwerke gab. Zudem beschnitt der Rat der Stadt deren Arbeitsmöglichkeiten, indem er ab 1534 den Betrieb der Öfen nur mit ausdrücklicher Genehmigung erlaubte und den Import von Ton aus den Frechener Lagerstätten verhinderte. 1547 ließ der Rat alle Steinzeugöfen einreißen. Auch die Zahl der Töpfermeister wurde stark begrenzt. Waren 1536 noch elf Töpfer gelistet, so blieben 1554 nur noch vier. Zur Bekräftigung dieser Reduktion ließ der Rat 1555 erneut alle Brennöfen, bis auf die vier genehmigten, einreißen. Ab 1566 waren innerhalb der Kölner Stadtmauern keine Steinzeugtöpfer mehr zugelassen.
Kriegsereignisse zerstörten das historische
Töpfer-Handwerk der Siegburger Region in der Siedlung Aulgasse gleich doppelt. Im Dreißigjährigen Krieg brandschatzten 1632 schwedische Truppen die Siedlung und noch einmal 1689 französische Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg. Vom Niedergang des Handwerks Siegburger
Steinzeugs profitierte zwischen Rheintal und Westerwald das Steinzeughandwerk im Kannenbäckerland, nachdem sich einige Siegburger Töpfer im Kannenbäckerland samt Know-how angesiedelt hatten. Als Ergebis dieser Migration werden Töpfer in der Region des Kannenbäckerlands neben Kannenbäcker auch Euler genannt. Umliegende Regionen bezeichnen Töpfer als Dippemacher, Döppesbäcker oder Hafner. Die mehrdeutige Berufsbezeichnung Töpfer umfasst auch Ofensetzer und Ofenbauer. 2009 legten Handwerkskammern als Lehrberuf für Töpfer die offizielle Berufsbezeichnung Keramiker fest. Details beschreiben Wikipedia-Einträge Aulgasse, Euler, Töpferei, Keramiker, Siegburger Steinzeug, Kannenbäckerland.
Nachbetrachtung
Ein bescheidener historischer Steinkrug motiviert zur Beschäftigung mit Themen des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit im Kölner Raum und ermöglicht Einblicke in Zusammenhänge eines zeitlichen Abschnitts eines regionalen Universums. Recherchierte Sachverhalte und Prozesse sind Geschichte, aber ohne diese Geschichte bliebe Gegenwart blass und oberflächlich.Mit beschriebenen Themen muss sich niemand befassen, um zu überleben. Themen dieser Art sind jedoch mehr als Dekor, weil sie dazu beitragen, Prozesse der Entwicklung unserer Lebensumgebung sowie Stärken und Schwächen menschlicher Verhaltensweisen zu verstehen. Dieses Verständnis ist verzichtbar, ohne zu verhungern, zu verdursten oder das eigene Leben einzubüßen. Ohne Wissen und Erkenntnis stagniert ein sich oft als vermeintlich reich ausgebendes Leben in Armut von Unwissen.
Inzwischen sind wir auf der Suche nach Informationen zu dem oben links abgebildetem Objekt. Falls wir erfolgreich sind, wird diese Reihe fortgesetzt. Das Rätsel der vermeintlichen Inka-Schale ist eine härtere Nuss. Relativ sicher ist, dass die Keramik nicht aus der Inka-Kultur, sondern aus einer anderen präkolumbianischen Kultur stammt.







Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen