Donnerstag, 22. Mai 2014

'Kunstquartier Hagen'(1): Ausstellung 'Weltenbrand' neben Kunst der klassischen und der zeitgenössischen Moderne

Eruption (1956), Emil Schuhmacher
"Wir müssen siegen!", Postkarte 1915
Installation von Bernd Schwarzer




Eine ganze Reihe aktueller Ausstellungen thematisiert aus unterschiedlichen Perspektiven den Ausbruch des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren(2). Die Ausstellung Weltenbrand - Hagen 1914 im Osthaus Museum Hagen motiviert unseren Ausflug nach Hagen. Die Ausstellung fokussiert zwar auf lokale Aspekte, sie legt aber auch Strukturen frei, die weit über die Stadt hinausreichen und die Ausstellung für ortsfremde Besucher interessant macht. Einen erheblichen Mehrwert erhalten Besucher mit dem Kunstquartier, ein architektonisch gelungener Museumskomplex, der das Osthaus Museum mit dem Emil Schumacher Museum (ESMH) verbindet.

Kunstquartier Hagen


Museumsplatz im Kunstquartier Hagen
Das Kunstquartier Hagen empfängt Besucher mit einer von älterer und neuer Architektur umgebenen intimen Plaza, in deren Zentrum mächtige Platanen Schatten spenden. Das am Museumsplatz liegende Restaurant verfügt über eine Außengastronomie, der wir uns vor dem Museumsbesuch für einen kleinen Lunch anvertrauen. Der Besuch vor dem Besuch fällt erfreulich aus.










Foyer des Kunstquartiers Hagen
Mit dem Neubau des Emil Schumacher Museums wurde parallel das Osthaus Museum saniert und erweitert sowie ein verbindendes gemeinsames Foyer errichtet. Nach dreijähriger Bauphase konnte das Kunstquartier Hagen am 28. August 2009 der Öffentlichkeit übergeben werden.










Osthaus Museum - Weltenbrand (Diashow Osthaus Museum)


Raum im Osthaus Museum
Raum im Osthaus Museum
Der 1874 in Hagen geborene Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus strebte die Versöhnung von Kunst und Leben an. Er ließ vom belgischen Künstler Henry van de Velde eine Villa im Jugendstil erbauen, die 1902 unter dem Namen 'Museum Folkwang' als weltweit erstes Museum für zeitgenössische Kunst eröffnet wurde. Nach Verletzungen im 1. Weltkrieg stirbt Osthaus 1921. Seine Erben verkaufen die Kunstsammlung und Namensrechte an die Stadt Essen, die für diese Sammlung das Museum Folkwang bauen ließ. 1930 eröffnet in Hagen ein neues Kunstmuseum, das 1939 in Karl-Ernst-Osthaus-Museum umbennant wird. In der Zeit des Nationalsozialismus verliert das Museum einen großen Teil seiner Bestände als 'Entartete Kunst'. Der Rest geht durch Bombenangriffe und Plünderungen verloren. Nach Wiederöffnung im Jahr 1945 muss eine neue Sammlung aufgebaut werden. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs zeigt das Osthaus Museum gleich mehrere Sonderaustellungen.


Nagelbretter für Kriegsspenden
Die Sonderaustellung 'Weltenbrand Hagen 1914' greift mit ihrem Titel einen Begriff aus der nordisch-germanischen Mythologie auf, die den Weltuntergang als Folge des Kampfes von Göttern und Riesen beschreibt:

„Alle Wesen müssen die Weltstatt räumen.
Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer,
Vom Himmel schwinden die heiteren Sterne.
Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum,
Die heiße Lohe beleckt den Himmel.“
(Vǫluspá – Weissagung der Seherin in der Edda)





Ausstellung Weltenbrand im Osthaus Museum
Der Titel der Ausstellung verweist gleichzeitig auf einen Topos von Historikern, gemäß dem der 1. Weltkrieg als 'Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts' gilt. Wer die Ausstellung an ihrem Titel misst, dürfte eher enttäuscht sein. Im Unterschied zur Ausstellung 'Menschenschlachthaus' im Von der Heydt Musuem Wuppertal zeigt die Hagener Ausstellung keinen 'Weltenbrand', aber sie reflektiert eindrucksvoll den 1. Weltkrieg aus Sicht der im Raum Hagen lebenden Menschen. Erfahrungen dieser Menschen dürften abstrahierbar sein, weshalb die Ausstellung als exemplarische historische Dokumentation aufgefasst werden kann. Die Ausstellung zeigt einen von Ideologien und Indoktrinationen verstellten Blick der Menschen auf das politische Geschehen, der zu gruseln vermag. Bei Veränderung der historischen Tiefenschärfe erkennen wir, dass die Manipulationsanfälligkeit individuellen politischen Denkens in den vergangenen 100 Jahren eher zugenommen hat. Lediglich die Themen variieren.
  


Architektur der Erinnerung
Als spannend-rätselhaft empfinden wir die Bibliotheksinstallation 'Architektur der Erinnerung' von Sigrid Sigurdsson. Im Zentrum der Installation ist ein aus abgebrannten Streichhölzern zusammengesetzter Globus aufgestellt.












Interpersonal relation Suit (1995), James Croak (* 1951)
Eine weitere Sonderausstellung zeigt 35 zeitgenössische Werke der niederländischen Sammlung De Leeuwenhoeve.  













Selbstbildnis mit Muse (1924), Otto Dix (1881-1961)
Die Sammlung des Museums beeindruckt mit hochkarätigen Werken des Expressionsimus und einem 'Selbstbildnis mit Muse' von Otto Dix.













Emil Schuhmacher Museum (Diashow Kunstquartier und ESMH)


Obere Etage im Emil Schuhmacher Museum
Treppenlage
Das 'ESMH' stellt eine ebenso umfangreiche wie faszinierende Sammlung von Arbeiten des in Hagen geboren Malers Emil Schuhmacher (1912-1999) aus. Eine große Treppenanlage zwischen dem Betonkubus der Ausstellungsräume und der umgebenden Verglasung führt zu den beiden oberen Ebenen mit den Exponaten. Auf einer Zwischenetage ist das Künstleratelier nachgestellt. Ein Film zeigt Emil Schumacher bei einer malerischen Arbeit, die auf uns wie ein Tanz wirkt. Seine Malweise erklärt Emil Schumacher in einem Film auf der Webseite der Emil-Schumacher-Stiftung. Die Haltung des Künstlers, seine Arbeitsweise und den kreativen Prozess der Werkentstehung beschreibt die Webseite des Museums unter dem Stichwort 'Werk'.
In luftigen Ausstellungsräumen kommen die oft großflächigen Bilder mit perfekter Ausleuchtung optimal zur Geltung. Von den Gemälden und ihrer Präsentation sind wir sehr beeindruckt, fühlen uns aber auch ein wenig einsam. Wir treffen nämlich nur auf zwei weitere Besucherinnen. Für uns ist das natürlich angenehm, aber die herausragende Sammlung, das schöne Museum und seine engagierten Mitarbeiter verdienen deutlich mehr Aufmerksamkeit. Möglicherweise haben jedoch in Hagen lebende Menschen andere Interessen und Sorgen.


Pinatubo (1992), Öl auf Holz, Emil Schuhmacher
Neben K.O. Götz, dessen große Retrospektive wir unlängst besucht haben(3), Hans Hartung, Bernhard Schultze und einigen weiteren Künstlern zählt Emil Schumacher zu den maßgeblichen deutschen Protoagonisten informeller Malerei, mit der deutsche Künstler nach dem 2. Weltkrieg nicht nur Anschluss an die internationale Kunstentwicklung gefunden haben, sondern auch international beachtet wurden. Die wichtigsten Stationen der Künstler-Biographie beschreibt die Webseite des Museums unter dem Stichwort 'Leben'.








Falacca VII (1990), Öl auf Holz
Terrano XII (1990), Öl auf Holz
Die Zwiebel (1990), Öl auf Holz


Paseo (1999), Öl auf Holz, Emil Schuhmacher
Emil Schumacher hat seine Malerei nicht als 'Informel' gesehen, obwohl Einflüsse von Wols(4) und noch stärkere Einflüsse von Jean Fautrier erkennbar sind. Emil Schumacher wehrte sich immer gegen die Einordnung seiner Arbeiten in 'Schubladen'. Abstraktion und Gegenständlichkeit bildeten wie Formlosigkeit und Struktur für Emil Schumacher keine Gegensätze. Auf seinen Bildern sind häufig Pferde, Vögel, Pflanzen oder Umrisse von Personen oder Köpfen zu erkennen. Ebenso bekannte sich Emil Schumacher zu strukturellen Mustern wir Bögen, Brücken oder Kreise, die ihm halfen, Zusammenhänge herzustellen.        



Anmerkungen


(1) Eine besondere Anziehungskraft übte die Stadt Hagen bisher nicht auf uns aus. Wie die meisten Städte an der Ruhr, ist auch die Entwicklung der kleinen Großstadt Hagen von Schwerindustrie geprägt, die sich mit Anforderungen an Lebensqualität reibt. Wie alle Industriestädte an der Ruhr wurde Hagen im 2. Weltkrieg durch Luftangriffe fast vollständig zerstört und nach dem Krieg mit hastiger Phantasielosigkeit wieder aufgebaut. Mit dem heutigen Besuch verändert sich unser Blick. Wir nehmen Hagen in unsere 'Watchlist' auf. 

(2) Weitere Ausstellungen und Artikel anlässlich des Beginns des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren
(3) Über die Retrospektive im Museum Küppersmühle des Duisburger Innenhafens berichtet ein Post vom 3.05.2014: Wiederentdeckung von K.O. Götz

(4) Mehrere aktuelle Ausstellungen würdigen Wols anlässlich seines 100. Geburtstages. Zwei dieser Ausstellungen konnten wir kürzlich besuchen, weshalb wir durchaus Einflüsse in Werken von Emil Schumacher zu erkennen glauben, z.B. in dem Bild 'Eruption' aus dem Jahr 1956, das in der Einleitung abgebildet ist.
Über unseren Besuch der Wols-Ausstellungen berichtet ein Post vom 18.05.2014: Wols, der große Inspirator des Informels

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