Dienstag, 12. Juni 2012

documenta 13 - 'The Refusal of Time' im Kulturbahnhof

Man walking to the sky
Großer Ernst trifft auf ausgelassene Heiterkeit im 'Kulturbahnhof Kassel', stellen wir später fest, was jedoch nicht überall gilt.
Zunächst begeben wir uns auf Spurensuche der documenta 13. Auf dem Bahnhofsvorplatz macht die von Jonathan Borofsky 1992 für die documenta IX entworfene Skultpur 'Man walking the sky' auf sich aufmerksam. Aber wo finden wir die documenta 13?
Im Hauptgebäude und im Südflügel sind kleinere Installationen zu sehen. In den Schuppen des Nordflügels finden wir endlich die gesuchten großen Installationen, die nicht nur groß, sondern auch großartig sind. Unser Zeitbudget ist leider zu begrenzt, um alle Arbeiten würdigen zu können. Einen halben Tag sollte man schon einplanen für den Bahnhof, der allein die Reise nach Kassel rechtfertigt. Wir bescheiden uns zunächst mit einem flüchtigen Streifzug und nehmen uns für die nächsten Wochen einen weiteren Besuch vor, den wir 14./15. August realisieren können. Link: Diashow Fotos 'Kulturbahnhof'

William Kentridge - 'The Refusal of Time'

Den nur sehr schwach beleuchteten Raum der Installation dominiert eine hölzerne Maschine, die an einen großen Webstuhl erinnert, aber als 'Atmungsmaschine' deklariert ist und als 'Elefant' bezeichnet wird. Zusammen mit einer Filmprojektion auf fünf Leinwänden, Computer- und Audiotechnik werden Antworten auf die Frage präsentiert, wie dem Diktat der Zeit zu entkommen ist. Leichtigkeit und Perfektion des Spiels lassen den Aufwand dieser faszinierenden Installation im Nordflügel des Hauptbahnhofs erahnen. Ein Komponist, zahlreiche Musiker, Sänger, Tänzer und Peter Galison, Harvard-Professor für Wissenschaftsgeschichte und Physik, haben an der Multimediaoper mitgewirkt, die über einen Zeitraum von 2 Jahren entstanden ist. Die Verweigerung der Zeit versinkt nicht in tiefem Ernst. Humor und Heiterkeit beherrschen in dadaistischem Ernst die Darstellung, die zuletzt in einen  Totentanz übergeht. Die grandiose 24-minütige Darstellung (Beginn jeweils zur halben und zur vollen Stunde) vergeht wir im Flug und verdient mindestens zwei Durchgänge. Nach dem ersten Durchgang sind wir erst einmal geplättet. Ab dem zweiten Durchgang beginnt sich das Werk zu erschließen. Zum Glück haben wir Videoclips erstellt und können uns darum noch oft an einer Kurzerfassung dieser Arbeit erfreuen. Das Original der Installation vor Ort ist natürlich nicht zu ersetzen. Da hilft nur eins: hinfahren, um dieses gigantische Werk zu erleben.





Weitere Installationen im Nordflügel des Bahnhofs

Installation '27 GNOSIS' von Michael Portny
Der Amerikaner Michael Portny bezeichnet seine Installation '27 GNOSIS' als 'Fiktionsgenerator', in dem Feindseligkeit gegen Talent kämpft. Die Installation ist während des ganzen Tages in einer Umgebung zu besichtigen, die als bedrückend wahrgenommen wird.
Zweimal täglich leitet Michael Portny eine Spielshow mit teilnehmenden Besuchern, die eine zugleich berauschende und furchteinflößende Atmosphäre erzeugen soll. Leider konnten wir uns kein eigenes Bild von dieser Spielshow verschaffen.








Installation 'Ghost Keeping' von István Csákány
Der Rumäne István Csárkány zeigt eine beeindruckende Installationen, die den Maschinenpark einer Schneiderei darstellt, der aber hier vollständig aus Holz gearbeitet ist. Wofür diese Metapher steht und ob diese Installation auf Handarbeit verweist, erschließt sich auf die Schnelle nicht.











Installation von Haegue Yang
Die koreanische Künstlerin Haegue Yang bevorzugt für ihre Arbeiten industriell gefertigte Produkte. In der Halle des Nordbahnhofs hat sie Jalousien installiert, die sich mittels motorischer Antriebe in Zeitintervallen bewegen. Jede Bewegung ist mit akustischen Signalen verbunden und verändert zugleich Lichteinfall und Optik. Wir sind uns unsicher, ob diese Choreographie auf kaleidoskopischen Zufallprinzipien beruht oder vorgegebenen Mustern folgt. Möglicherweise soll die Installation auch den Betrachter motivieren, Muster zu suchen. Uns könnte das durchaus reizen, aber dazu fehlt heute die Zeit.







Ausschnitt der Installation Momentary Monument IV
Die italienische Künstlerin Lara Favaretto verwandelt im Bahnhofsgelände Metallschrott in die Landschaft 'Momentary Monument IV'. Laut 'my.documenta.de' will Lara Favaretto eine Beziehung zwischen dem documenta-Ort Kassel und der afghanischen Hauptstadt Kabul herstellen. Intuitiv ist nicht nachvollziehbar, auf welchem Wege diese Beziehung zustande kommt, wie sie interessierten Menschen vermittelt wird oder ob sie vielleicht nur eine Idee der Wahrnehmungswelt dieser Künstlerin bleibt. Die Metallschrotthügel sind selbst unschuldig, aber sie üben auch ohne Kabul-Beziehung eine spannende Faszination aus, die wir nicht zu deuten vermögen.
Jenseits aller Esoterik bietet sich am Ende des Nordflügels, gleich neben dem 'Momentary Monument IV', ein schön gestalteter Restaurationsbereich mit einem guten Angebot für eine Pause an.



Restauration im Nordflügel des Hauptbahnhofs
Restauration im Nordflügel des Hauptbahnhofs















'Klangtext' von Susan Philipsz

Eine Tafel macht auf die Installation 'Klangtext' der schottischen Künstlerin Susan Philipsz aufmerksam. In einem abgelegenen Abschnitt der Gleise erklingt getragene Streichermusik aus Bahnhofslautsprechern. Die Musik klingt nicht besonders aufregend. Der Sound ist grottenschlecht und die Umgebung ist eher abschreckend. Die banale Bezeichnung der Installation ist nicht erleuchtend. Die Installation sperrt sich gegen eine naive Rezeption.

In der Konfrontation mit der Installation wäre eine naive Rezeption in ihrer subjektiven Beliebigkeit nicht nur belanglos, sondern auch irrelevant. Die Klanginstallation verweist nämlich auf einen politischen Kontext. Von diesen Gleisen, auf denen die Musik ertönt, wurden 1941/2 Juden in die Lager Theresienstadt und Ausschwitz deportiert. Die Musik komponierte der jüdische Komponist Pavel Haas 1943 im Lager Theresienstadt. Im Jahr darauf kam er in Ausschwitz ums Leben.

In der Wahrnehmung des Rezipienten eröffnen sich vieldimensionale Räume, in denen sich die Geschichte von Nationen, Völkern, Kriegen und Menschen entfaltet. Bilder des Grauens tauchen auf. Emotionen von Mitgefühl, Scham, Trauer oder auch Wut werden geweckt. Susan Philipsz Installation ist eingebunden in Strukturen, die unsichtbar bleiben und erst in unserer eigenen Wahrnehmung real werden. Hier erleben wir sehr intensiv, wie sehr unsere eigene Wahrnehmung vom gespeicherten Hintergrundwissen (Erfahrung) abhängig ist und die Qualität bestimmt, in der wir diese Klanginstallation rezipieren.



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