Montag, 25. Juni 2012

Good Enough - 'Tom Petty and The Heartbreakers' bieten in Köln hinreißenden Rock zum Niederknien

Tom Petty and the Heartbreakers in Köln, 25.06.2012
Das letzte Konzert von 'Tom Petty and the Heartbreakers' liegt in Deutschland 20 Jahre zurück. Die 'laufende Tour 2012' sieht drei Konzerte in Deutschland vor. Neben Hamburg und Mannheim zählt Köln zu den auserwählten Städten. Konzertbesucher kommen nicht nur aus Deutschland. In unserem Bereich halten sich überwiegend Holländer oder Belgier auf. Beim Betreten der Halle treffen wir auf Bekannte, die aus Marburg angereist sind.
Nach 36 Jahren Präsenz im Musikgeschäft sind natürlich auch alte Nummern im Programm, das gebietet der Respekt gegenüber den Anhängern. Oldy-Ständchen zum Mitklatschen entsprechen jedoch nicht dem Anspruch dieser Musiker. Alte Stücke sind aufgefrischt und fügen sich in neuer Verpackung harmonisch in das Programm. Vorkonfektionierte Ware von Musikkonserven und technische Gaukeleien von Synthesizern, Computern oder Rhythmusmaschinen benötigt diese Band nicht. Völlig entspannt und in Bestform erteilen Tom Petty und seine Crew eine Lektion für Gitarrenrock in höchster musikalischer und handwerklicher Qualität.

Der WDR zeichnet dieses Konzert auf und berichtet auf seiner Web-Seite am nächsten Tag "... dass der rohe Geist des Rock 'n' Roll im Laufe der Jahrzehnte keiner Altersmilde weichen muss". Neu ist diese Erkenntnis nicht, aber weil sie der 'Zeitgeist' gerne übersieht, ist dieses Statement des WDR wertvoll.

Vier Gitarristen plus Schlagzeuger und Keyborder spielen hinreißenden Rock zum Niederknien, ohne dass 'Tom Petty and the Heartbreakers' ihre Folkwurzeln verraten. Die Musiker streuen immer wieder langsame Folk-Stücke in ein zweistündiges Programm, das mit 20 'Sets' eine Kette von Höhepunkten knüpft. Stücke der letzten CD 'Mojo' sind kein schaler Aufguss, sondern ein Substrat aus 36 Jahren Musikgeschichte. Altersweisheit tritt ohne Arroganz auf. Spuren von Vergreisung sind nicht zu erkennen. Erfahrung setzt Wegmarken zu Jungbrunnen. Ob man aus diesen trinken möchte, bleibt der individuellen Entscheidung überlassen.

Cover-Versionen von 'Carol' (Chuck Berry, 1958) und 'Oh Well' (Peter Green mit Fleetwod Mac, 1967) verweisen auf das Erbe dieser Musik und erlauben zugleich, 'schmutzigen Rock' nicht nur zu spielen, sondern ihn auch krachen zu lassen, bis die Gitarren glühen.


I can't help about the shape I'm in
I can't sing, I ain't pretty and my legs are thin
But don't ask me what I think of you
I might not give the answer that you want me to

Oh well

Now, when I talked to God I knew he'd understand
He said, "Stick by my side and I'll be your guiding hand
But don't ask me what I think of you
I might not give the answer that you want me to"

Oh well

Tom Petty and the Heartbreakers, Köln Arena 25.06.2012
Die 'Traveling Wilburys' dürfen nicht fehlen, jene 'Feierabend-Band', hinter deren Pseudonymen sich Bob Dylan, Tom Petty, Jeff Lynn, Roy Orbison sowie der Ex-Beatle George Harrison versteckten. In Köln spielt die Band das Stück 'Handle with Care', das erste von den 'Wilburys' eingespielte Stück, das eher zufällig zustande kam. George Harrison brauchte 1988 ein Stück, um den Vertrag mit seiner Plattenfirma zu erfüllen. Er sprach seinen Bekanntenkreis an und brachte die genannten Personen zusammen, bis auf Tom Petty, den Bob Dylan hinzugebeten hat. Der Track 'Handle with Care' wurde an nur einem Tag komponiert und eingepielt. Benannt ist er nach der Aufschrift auf einem Karton in der Garage von Bob Dylan.
Das 'en passent' entstandene Album zählt das Musikmagazin 'Rolling Stone' zu den 100 besten Alben aller Zeiten. Die ausgekoppelte Single 'Handle with Care' platzierte sich weltweit in Hitparaden. Uns zeigt das wieder einmal, dass sich große Dinge ereignen, wenn am richtigen Ort zur richtigen Zeit Menschen zusammenfinden, zwischen denen die 'Chemie' passt.  


Wir erleben heute eine passende 'Chemie' wahrer Könner. Die großartige Spiellaune der Helden und ihr absolut professioneller Auftritt lassen zwei Stunden Life-Konzert ohne Pause wie im Flug verstreichen. Spätestens ab 'Good Enough' (6. Stück der Setlist und letzter Titel der letzten CD 'Mojo', 2010) bleibt die Begeisterung des Publikums auf hohem Pegel. Wie die Melodie mäandernd die Themen des umfließt, demosntriert die unvergleichbare Ausnahmestellung Tom Petty's im Kosmos zeitgenössischer Rockmusik.
Im Innenraum werden die teuer bezahlten Sitzpätze bald verlassen, um sich an die Bühne zu drängen. Tom Petty und Mike Campbell, der 'Lead-Gitarrist' der Gruppe, dem Petty bei den Soli den Vortritt lässt, kommen immer häufiger an den Bühnenrand, um Kontakt mit dem Publikum aufzunehmen, das inzwischen weichgekocht ist. Bei dem Stück 'Learning to Fly' ('Into the Great White Open, 1991) übernimmt nach einigen Takten das Publikum den Gesangspart als Chor, während Tom Petty die Solo-Stimme in Gospel-Manier improvisiert und seine bemerkenswerte Stimmsicherheit beweist, die über zwei Stunden konstant hoch bleibt. Tom Petty, eindeutig der Boss der Gruppe, hat jetzt auch die Halle im Griff.


Auf unseren Plätzen im Oberrang sind wir von der Stimmung im Parterre zwar ausgeschlossen, aber Juchzer und Jubelrufe sind auch auf den Rängen immer häufiger zu hören. Die oft geschmähte Akustik der Halle ist deutlich besser als erwartet. Störend sind lediglich mitunter auftretende Echos. Die Sichtverhältnisse waren dagegen eine Frechheit bei Kartenpreisen von 52,45 € inkl. Gebühren, und die Bestuhlung ist nicht auf Komfort ausgelegt, sondern soll vermutlich das Einschlafen verhindern. Diese Gefahr besteht heute ohnenhin nicht. Insgesamt wollen wir uns nicht beklagen. Rockmusik ist schließlich kein Kindergeburtstag.



Der Kölner WDR hat das Konzert aufgezeichnet und auf seiner Webseite eine 'Setlist' veröffentlicht:

1.   Listen to Your Heart
2.   You Wreck Me
3.   I Won't Back Down
4.   Here Comes My Girl
5.   Handle With Care
6.   Good Enough
7.   Oh Well
8.   Something Big
9.   Don't Come Around Here No More
10. Free Fallin'
11. It's Good To Be A King
12. Carol
13. Learning To Fly
14. Yer So Bad
15. I Should Have Known It
16. Refugee
17. Runnin' Down A Dream
18. Mary Jane's Last Dance
19. I'm A Man
20. American Girl

Nach diesem großartigen Abend fragen wir uns, warum wir so lange auf Tom Petty warten mussten. Lange beschäftigt uns dieser Gedanke nicht, weil wir bald hart in der Kölner Realität aufschlagen. Wir sind zu Fuß nach Deutz gegangen und möchten nun mit der Straßenbahn zurückfahren, finden aber keine brauchbaren Hinweise auf die nächste Station. Als Einheimische wissen wir uns zu helfen und gehen zur 'Deutzer Freiheit'.

Ein ortsunkundiger Besucher fragt uns nach dem Weg zum Deutzer Bahnhof, weil Hinweise fehlen. Wir sind uns nicht sicher und wollen daher keine falschen Auskünfte geben. So irren wir eine Weile gemeinsam durch Deutz. An der Haltestelle 'Deutzer Freiheit' wird die nächste Bahn in 17 Minuten angekündigt. In den Katakomben halten wir uns nachts nicht gerne auf und trauen auch nicht den Informationen, weshalb wir beschließen zum Heumarkt zu gehen. Dort werden 2 Minuten Wartezeit für die nächste Bahn angezeigt. Während wir uns noch freuen, erlischt die Anzeige, ohne dass eine Bahn eintrifft. O. K., wir gehen zum Neumarkt.

Vom Neumarkt wären wir zwar zu Fuß in 30 Minuten zu Hause, müssten aber den inneren Grüngürtel durchqueren, was wir vermeiden möchten. Der nächste Bus in 20 Minuten ist uninteressant, aber in 3 Minuten soll die Linie 7 abfahren. Das würde passen, aber dann erlischt auch diese Anzeige. Wir haben uns bereits auf einen Fußweg eingestellt, als die Linie 7 anrollt. Alles wird gut, denken wir, aber das ist eine Täuschung. Ca. 20 Minuten müssen wir bis zur Abfahrt warten, ohne dass wir erfahren, wann die Bahn abfahren wird. Obwohl wir gezahlt haben, entschließen wir uns auszusteigen. In diesem Moment setzt sich die Bahn in Bewegung.

Da wir an unserer Endhaltestelle auch noch einen Fußweg von 15 Minuten zurücklegen müssen, wären wir ohne KVB deutlich eher zu Hause gewesen und hätten auch noch Kosten vermieden, die wir für diesen Dreck-Service zahlen müssen. Wenn elektronische Anzeigen der erwarteten Ankünfte notorisch unzuverlässig sind, müssen sie von Kunden als Täuschungsversuch aufgefasst werden. Im Schulbetrieb gibt es dafür die Note 6, 'keine Leistung'. 'Wat wells de maache?', würden vermutlich Urkölner sagen und sich weiter freuen, dass sie ein großartiges Konzert erleben konnten. Wer in Köln das Schöne genießen möchte, büßt oft auch mit einer Portion 'Dress'. Kölner scheinen das als Normalität zu empfinden. Wir leben fast 40 Jahre in Köln, aber es fällt uns noch immer schwer, solche vermeidbaren Unzulänglichkeiten geduldig hinzunehmen. Kann man es Tom Petty verdenken, dass er Köln 20 Jahre ausgelassen hat?

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